BMBF - Bundesministerium für Bildung und Forschung
Kooperation International
 

1. Überblick

Gemäß der Verfassung Brasiliens (1988) haben alle Ebenen der brasilianischen Verwaltung - nationale Regierung, Bundesstaaten und Munizipien - Verantwortung im Bereich der Bildung. Jede Ebene ist dabei selbst verantwortlich für die Unterhaltung der Bildungseinrichtungen und die Finanzierung des Bildungssystems. In der Verfassung ist festgelegt, dass 25% des Haushalts der Bundesstaaten und 18% der Steueraufkommen auf föderaler Ebene sowie der Munizipien in die Bildung fließen sollen.

Nationale Regierung und Bundesstaaten finanzieren und organisieren vor allem das Hoch- und Berufsschulsystem. Bundesstaaten sind gemeinsam mit den Munizipien für das Schulsystem, d.h. Grund- und Mittelstufe verantwortlich, die  Munizipien darüber hinaus für Kindergärten und Vorschulen. Private Schulen und Hochschulen decken in Brasilien einen erheblichen Bedarf der Bildung.

Die Grundzüge des Bildungssystems werden auf nationaler Ebene festgelegt. Das Bildungsministerium (MEC) erarbeitet einen Nationalen Bildungsplan (PNE) in dem Rahmen und Ziele der Bildungspolitik für einen Zeitraum von zehn Jahren festgelegt werden. MEC ist gemeinsam mit dem Bundesbildungsrat (CNE) landesweit für die Prüfung und Einhaltung der Lernpläne verantwortlich. 

Als Ergebnis der brasilianischen Bildungspolitik der vergangenen Jahre wurde die Analphabetenquote des Landes deutlich gesenkt. Mit spezifischen Programmen wurde erreicht, dass fast alle Kinder zwischen 7 und 14 Jahren zur Schule gegen. Das Hochschulsystem wurde erheblich ausgebaut. Die Zahl der Campi der nationalen Universitäten wurde in den letzten 10 Jahren mehr als verdoppelt.

Quellen:

Brasilianische Botschaft in Deutschland,
Projektträger - Internationales Büro
Bundesministerium für Bildung und Forschung

"OECD - Education at a Glance 2013" und "OECD PISA 2012 – Ergebnisse"

Redaktion: 10.12.13, von: Helena Lübbers, Tim Mörsch und Miguel Krux, VDI Technologiezentrum GmbH

Nach oben

2. Indikatoren für Bildung

Indikator Brasilien Stand OECD-Gesamt Stand
Bildungsanteil am Bruttoinlandsprodukt: primäre und sekundäre Bildung 4,3 % 2010 3,9 % 2010
Bildungsanteil am Bruttoinlandsprodukt: tertiäre Bildung 0,9 % 2010 1,6 % 2010
Bildungsanteil am Bruttoinlandsprodukt: Gesamtbildung 5,6 % 2010 6,3 % 2010
Wachstum des Bildungsanteils am BIP (Differenz i. Vgl. zum Vorjahr in Prozentpunkten) 0,1 2010 0,1 2010
Anteil öffentlicher Bildungsausgaben an den öffentlichen Gesamtausgaben 18,1 % 2010 13,0 % 2010
Pro-Kopf Ausgaben pro Student/in 13.137 USD 2010 13.528 USD 2010
Anteil tertiär Graduierter an der Gesamtbevölkerung keine Angaben 2011 50 % 2011
Schülerzahl pro Lehrer, Primarstufe 22,5 2011 15,4 2011
Schülerzahl pro Lehrer, Sekundarstufe 18,5 2011 13,6 2011
Klassengröße, Primarstufe 24,2 2011 21,2 2011
Klassengröße, Sekundarstufe 28,7 2011 23,3 2011
PISA-Ergebnisse: Lesen 53. von 65 2009 --- ---
PISA-Ergebnisse: Naturwissenschaften 53. von 65 2009 --- ---
PISA-Ergebnisse: Mathematik 57. von 65 2009 --- ---

Nach oben

3. Schulen und Hochschulen

Schulische Bildung 

Grundschulen (ensino fundamental) und Gymnasien (ensino médio) werden von den Ministerien der Bundesstaaten  bzw. den entsprechenden kommunalen Behörden koordiniert. Dies betrifft sowohl private als auch öffentliche Schulen. Die verschiedenen Schultypen entsprechen den folgenden Altersgruppen:

  • Vorschule (4-6 Jahre, keine Schulpflicht)
  • Grundschule (7-14 Jahre)
  • Gymnasium (15-17 Jahre)

Somit wird die Hochschulreife nach mindestens elf Schuljahren, frühestens aber im Alter von 17 Jahren erreicht.

In 2012 gab es über 32.000 Schulen mit über 4,8 Mio. Schülern. Die Zahl der Schulen soll auf 45.000 ausgebaut werden. Des Weiteren sollen in der Oberstufe Ganztagsschulen eingeführt werden, da der durchschnittliche Schultag in Brasilien nur 4,5 Stunden beträgt (zum Vergleich: in Industrieländern liegt der durchschnittliche Schultag bei bis zu 8 Stunden).

Hochschulbildung  

Im Jahre 2011 lag die Zahl Einrichtungen für höhere Bildung in Brasilien bei über 2.300. Der überwiegende Teil der Einrichtungen ist privat und fällt in die Kategorie „Faculdades“. Diese Einrichtungen bieten nur wenige Studienfächer an und die Qualität der Lehre entspricht nicht den deutschen Hochschulstandards. Neben der Lehre findet keine nennenswerte Forschung statt. Demgegenüber ist die Qualität der Lehre (und der Forschung) in den 109 öffentlichen Universitäten des Bundes, der Bundesstaaten und der Kommunen sehr gut. Der größte Teil der Forschung in Brasilien findet an diesen Universitäten statt. 

Die Zahl der Studierenden an brasilianischen Hochschulen stieg in den letzten zehn Jahren ständig an. Vor allem die Zahl von Studierenden an kostenpflichtigen privaten Institutionen (ca. 88% des Hochschulsystems) hat sich mehr als verdoppelt. Von den etwa 6,4 Mio. brasilianischen Hochschulstudenten im Jahr 2011 studierten etwa 75 % an privaten Einrichtungen. Durch die staatlichen Programme werden jedoch auch die öffentliche Hochschulen ausgebaut. Die Zahl der Campi nationaler Universitäten, auch im Landesinneren, hat sich von 2003-2013 auf 360 mehr als verdoppelt. Durch die neuen Bildungseinrichtungen und der Erweiterung des Studienangebots soll bis 2020 einem Anteil von 33% der 18-24-jährigen ein Hochschulstudium ermöglicht werden.

Die öffentlichen Universitäten genießen wissenschaftlich-didaktische und finanzielle Autonomie und beziehen ihre Mittel je nach administrativer Ebene zu unterschiedlichen Teilen aus nationaler bzw. Förderung der Bundesstaaten. Private Universitäten müssen vom Bildungsministerium anerkannt werden und haben nur begrenzten Zugang zu öffentlichen Mitteln. 

Seit 2000 gibt es in Brasilien Fernstudiengänge, die eine zunehmend wichtige Rolle in der Hochschulbildung spiele. Etwa 4% der Studiengänge an Universitäten werden als Fernstudiengänge angeboten und von ca. 1 Mio. Studierenden genutzt.

Die Zugangsberechtigung zu den Universitäten muss durch eine Aufnahmeprüfung (Vestibular) erworben werden. Das reguläre Studium dauert im Schnitt fünf Jahre und führt zu folgenden Abschlussmöglichkeiten:

  • Bachelor u.ä. (Zugang zu Berufen mit Hochschulqualifikation) 
  • Licenciado u.ä. (Berufsqualifikation mit Lehrberechtigung, vergleichbar mit dem Studium auf Lehramt)

Im Anschluss an das reguläre Studium gibt es folgende Möglichkeiten zum postgraduierten Studium: 

  • Aufbaustudium/Especialização (ca. 1 Jahr, Zusatzstudiengang im Studienfach oder fachfremden Disziplinen) 
  • Master/Mestrado (2-3 Jahre mit Aufnahmeprüfung, auch in fachfremden Disziplinen) 
  • Doktor/Doutorado (4 Jahre mit Aufnahmeprüfung, nur mit abgeschlossenem Master)

Von ausländischen Universitäten erstellte Zeugnisse müssen von brasilianischen Universitäten anerkannt werden. Dabei werden bestehende internationale Vereinbarungen über Gegenseitigkeit oder Gleichstellung berücksichtigt. Auskünfte über die zur Anerkennung ausländischer Zeugnisse erforderlichen Schritte können beim jeweiligen Ministerium der Bundesstaaten für Bildung bzw. bei der zuständigen Bildungsbehörde der Gemeinden sowie bei den brasilianischen Hochschuleinrichtungen eingeholt werden. Der DAAD hat in Rio de Janeiro eine Außenstelle und kann in diesen Fällen ebenfalls unterstützen. 

Nach oben

4. Berufliche Bildung

In Brasilien wird grundsätzlich zwischen Beschäftigung (Ocupação) und Beruf (Profissão) unterschieden. Der größte Teil der beruflichen Tätigkeiten fällt unter den Begriff „Beschäftigung“ und bedarf in Brasilien keiner formalen Ausbildung. Die hierunter geführten Tätigkeiten (ca. 3.800) sind in der brasilianischen Klassifikation für Beschäftigungen (CBO) des Ministeriums für Arbeit festgelegt. 
Daneben gibt es ca. 80 offizielle Berufe, für die eine staatlich anerkannte Ausbildung absolviert werden muss. Dazu gehören Berufe z.B. in den Bereichen Chemie, Handel, Informatik, Umwelt etc.

Allgemein werden in der beruflichen Ausbildung drei Ebenen unterschieden:

  • Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen mit geringer schulischer Vorbildung
  • Fachstufe: Berufliche und technische Ausbildung mittleren Niveaus  für Jugendliche und Erwachsene mit  schulischer Vorbildung und Oberschulabschluss (nível técnico)
  • Technologische Stufe: Berufliche und technische Ausbildung auf hohem nicht-universitärem Niveau für Jugendliche und Erwachsene mit Gymnasialbildung (nível tecnológico)

Kurse zur beruflichen Bildung auf der Fachstufe (CNCT) werden landesweit von mehr als 3.500 beim Bildungsministerium anerkannten Einrichtungen angeboten. 
Der weitaus größte Teil der beruflichen Aus- und Weiterbildung wird von verschiedene Institutionen des Brasilianischen Industrieverbandes (CNI) bzw. des Landwirtschaftsverbandes abgedeckt:

  • Nationaler Dienst für die Industrielle Ausbildung (SENAI)
  • Nationaler Dienst für die Landwirtschaftliche Ausbildung (SENAR)
  • Brasilianischer Dienst zur Unterstützung von Kleinunternehmen (SEBRAE) 
  • Nationaler Dienst für die kaufmännische Ausbildung (SENAC)

Verschiedene öffentlichen Bildungseinrichtungen der Technologischen Stufe sind im Netzwerk für Berufliche, Wissenschaftliche und Technologische Ausbildung (Rede Federal de Educação Profissional, Científica e Tecnológica) zusammengefasst.  Das Netzwerk ist dem Bildungsministerium - MEC nachgeordnet. Zu den Einrichtungen gehören u.a. die Technologie-Schulen, die mit Universitäten verknüpft sind sowie die Nationalen Institute für Bildung, Wissenschaft und Technologie - IF (Instituto Federal de Educação, Ciência e Tecnologia). Die 38 IF haben eine ähnliche Funktion wie die deutschen Fachhochschulen, sind jedoch stärker auf die berufliche Ausbildung fokussiert. Die Einrichtungen des Netzwerks Ausbildung werden in Brasilien als Hochschulen klassifiziert.

Nach oben

5. Weiterbildung

Der Markt für Fort- und Weiterbildung in Brasilien ist riesig und in seiner Komplexität schwer zu fassen. Analog zur Lage der „Ausbildung“ bieten hier vor allem höhere Bildungseinrichtungen Kurse an. So erlaubt das Brasilianische Bildungsministerium (MEC) allen anerkannten höheren Bildungseinrichtungen Weiterbildungsmaßnahmen in allen Fächern, die diese im Angebot haben (Gesetz Nr. 9.394/1996). Die Verantwortung für diese Kurse liegt allein bei der akademischen Einrichtung, es besteht keine Möglichkeit des Outsourcing.

Typisch für diese Weiterbildungsart ist der MBA – Master of Business Administration. Die Dauer der sogenannten pós-graduação muss mindestens 360 Unterrichtsstunden betragen, Teilnehmer erhalten am Ende ein Zertifikat, aber kein Diplom. Eine Alternative für Absolventen des SENAI ist eine pós-graduação bei SENAC, die vor allem technische Kurse und Verwaltungskurse anbietet.

Im Bereich der pós-graduação werden über 8.800 verschiedene Kurse angeboten, von denen 65 als Fernkurse durchgeführt wurden. Von diesen wiederum werden über die Hälfte (55,9 %) im Südosten angeboten. 85,3 % dieser Kurse werden von den „faculdades“ angeboten, Bildungseinrichtungen, die keine vollständigen Universitäten sind (es werden nicht alle Fächer angeboten, eine Promotion ist nicht möglich). Zählt man noch die Privatuniversitäten hinzu, liegt der Anteil der privaten Anbieter bei insgesamt 89,5 %, mit stets wachsenden Angeboten. In geringem Umfang bieten auch international agierende Beratungs- und Trainingsunternehmen ihre Dienstleistungen in Brasilien an.

Quelle: Marktstudie Brasilien für den Export beruflicher Aus- und Weiterbildung, iMOVE beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), 2010.

Nach oben

6. Bildungsorganisationen

Den brasilianischen Bildungsbehörden stehen zur Umsetzung der Bildungspolitik auf nationaler, bundesstaatlicher und munizipaler Ebene eine Reihe von Institutionen zur Verfügung. Im Folgenden werden Bildungseinrichtungen (Schulen und Universitäten) und Organisationen zur Bildungsförderung dargestellt. 

Bildungsorganisationen auf nationaler Ebene

Dem Ministerium für Bildung (MEC, s.a. Für Bildung zuständige Ministerien, Bildungspolitische Ziele)) sind folgende Einrichtungen zur Evaluierung, Forschung und Förderung im Bildungsbereich nachgeordnet:

  • Nationaler Bildungsrat (CNE)
  • Förderagentur für Hochschulbildung (CAPES)
  • Nationaler Fonds zur Entwicklung der Bildung (FNDE)
  • Nationales Institut für Bildungsforschung (INEP)
  • Die 68 nationalen Universitäten Brasiliens sind auf alle Bundesstaaten verteilt. Es gibt über 360 Campi, die zum Teil auch in kleinen Städten liegen. In einzelnen Bundesstaaten (z.B. Minas Gerais mit 11 nationalen Universitäten) gibt es eine höhre Konzentration. Im Nordosten des Landes wurden in den letzten Jahren mehrere neue Universitäten eingerichtet.
  • Für die berufliche Aus- und Weiterbildung gibt es in allen Bundesstaaten Nationale Institute für technologische Ausbildung (IF), Agrartechnische Schulen (EAF) und die den Bundesuniversitäten angegliederten technischen Schulen.

Der Nationale Forschungsrat (CNPq) ist dem Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation nachgeordnet. Über die Vergabe von Stipendien ist CNPq wichtiger Fördergeber im Hochschulbereich. 

Bildungsorganisationen auf der Ebene der Bundesstaaten  

In fast allen Bundesstaaten gibt es eine oder mehrere bundesstaatliche Universitäten, die den entsprechenden Bildungsministerien (Secretarias de Educação) nachgeordnet sind. Es gibt insgesamt 39 dieser Hochschuleinrichtungen. Die drei bedeutendsten Universitäten Brasiliens, die Universidade de São Paulo (USP), die Universidade Estadual de Campinas (UNICAMP) und die Universidade Estadual Paulista (UNESP) sind Einrichtungen des Bundesstaates São Paulo.

Bildungsorganisationen der Munizipien

Die 5561 brasilianischen Kommunen oder Munizipien sind für die Grundbildung und damit für die Einrichtung von Kindergarten, Grundschule und weiterführenden Schulen verantwortlich. 

Es gibt nur 17 kommunale Universitäten, die fast alle im wohlhabenden Süden, bzw. Südosten des Landes liegen. Darüber hinaus gibt in den Munizipien sogenannter "Faculdades", Bildungseinrichtungen die nur wenige Studienfächer anbieten und keine Forschung betreiben. 

Private Bildungsorganisationen  

In Brasilien gibt es etwa 2000 private Hochschuleinrichtungen. Zu den größten gehören die Universidade Estácio de Sá im Staat Rio de Janeiro und die Universidade Paulista im Staat São Paulo mit jeweils etwa 200.000 immatrikulierten Studenten. 

Unter den privaten Universitäten nehmen die katholischen Universitäten eine Sonderstellung ein. Das Lehr- und Bildungsangebot dieser Hochschulen gilt vor allem in den Bereichen der technischen und Ingenieur-Wissenschaften als sehr gut. Die katholischen Universitäten sind, wie die öffentlichen Universitäten, in der Forschung tätig.

Die übrigen privaten Universitäten in Brasilien konzentrieren sich auf die (gebührenpflichtige) Lehre und sind kaum in der Forschung tätig. Zwischen den einzelnen Privatuniversitäten bestehen erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Qualität der Lehre. Der größte Teil dieser privaten Hochschulen, über 1800, sind sogenannte Faculdades, kleinere Hochschulen mit einem begrenzten Fächerangebot. Der Ausbildungsstand des Lehrpersonals ist vergleichsweise niedrig. Nur etwa 10% der Dozenten ist promoviert.

Zurück zur Übersicht
Redaktion: 12.08.14, von: Dr. Matthias Frattini, Projektträger im DLR
Politische Karte von Brasilien (Klick auf die Karte führt zur Darstellung in voller Größe in einem neuen Fenster)