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Cluster Cambridge

1. Kurzprofil

Der Cluster Cambridge befindet sich etwa 85 km nordöstlich der britischen Hauptstadt London. Als einer der erfolgreichsten High-Tech Cluster in Europa wird das Gebiet im Süden der ostenglischen Region Fenland, das rund um die Universität von Cambridge (UC) entstanden ist, auch häufig „Silicon Fen“ genannt. Der Cluster ist international vor allem für seinen Schwerpunkt in der Biotechnologie bekannt. Die Universität von Cambridge wird laut offiziellem Hochschulranking gegenwärtig auf Platz vier der besten Bildungsstandorte weltweit gelistet. Insgesamt sind ca. 49.000 Studierende an den zwei großen Hochschulen im Cluster, UC und Anglia Ruskin, eingeschrieben.

Die fachliche Struktur des Clusters prägen fünf Wissenschafts- und Forschungsparks:

Der Cluster umfasst die Städte Huntingdon, Wisbech, Ely, Newmarket, Bury St. Edmunds, Haverhill, Royston und Stansted. Etwa 700.000 Menschen leben in dieser Region.
Ungefähr 360.000 Arbeitsplätze werden innerhalb von 25 km Gebietsradius um die Universität Cambridge gezählt, wovon 43.000 auf 1.400 High-Tech Firmen als Arbeitgeber zurückzuführen sind. Das Exportvolumen beträgt 2,8 Milliarden Britische Pfund (ca. 3,18 Milliarden € [Stand August 2009]) und das Bruttoinlandsprodukt wuchs laut einer Studie des International Network for SMEs aus dem Jahr 2004 um 3% mehr gegenüber der gesamten Wirtschaft in Großbritannien.

Die Clusterstruktur von Cambridge wird hauptsächlich durch kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) geprägt, die sich am Standort verstärkt bereits ab 1970 niedergelassen haben. Die Entfaltung von der ehemalig nur gering entwickelten Region zu einem, laut Europäischer Kommission, exzellenten Standort für Start-ups wird häufig auch als "Cambridge Phenomenon" bezeichnet. Neben der ursprünglichen Konzentration auf die Biotechnologie sind gegenwärtig die Informations- und Nanotechnologie zusätzlich als thematische Stärken der Region identifizierbar.

Drei konvergierende Technologiefelder im Cambridge High-Tech Cluster (Quelle: 2008 St. John's Innovation Centre Ltd.)
Drei konvergierende Technologiefelder im Cambridge High-Tech Cluster (Quelle: 2008 St. John's Innovation Centre Ltd.)

2. Internationale Anziehungskraft

Cambridge ist ein wachsender Standort für High-Tech und Biotech Firmen. Im Zeitraum von 1990 bis 2003 wurden jährlich im Durchschnitt etwa drei Biotechnologiefirmen gegründet. Derweil hat die Diversifizierung in der ansässigen High-Tech Industrie die bisherigen Forschungsschwerpunkte um die Felder Nano und IT erweitert. Der Standort im Osten Englands ist zu einer führenden europäischen Region für die Softwareentwicklung im Bereich IT und für die aufkommenden Forschungsfelder der Nanotechnologie herangewachsen. Auch im Bereich der Neurotechnologie ist Cambridge einer der weltweit führenden Standorte. In der Studie „Neurotech Clusters 2010“ belegt der Cluster Cambridge/London den vierten Platz.
Heute prägen weltbekannte Unternehmen aus Forschung und Entwicklung den Cluster. Microsoft gründete beispielsweise sein erstes Forschungszentrum außerhalb der USA in Cambridge und Toshiba konnte in Zusammenarbeit mit dem Cambridge University Department of Physics seinen ersten Spin-out Teraview Ltd. verwirklichen.

Ferner bietet der Cluster auf dem Gebiet der Finanzierung attraktive Voraussetzungen als Unternehmensstandort. Im ersten Halbjahr 2007 konnten Unternehmen 18% des gesamten Venture Capital in Großbritannien für sich akquirieren und auf europäischer Ebene durfte sich Cambridge zu den vier besten europäischen Standorten für Start-up-Finanzierungen zählen. Im Jahr 2004 stellte die ebenfalls in Cambridge ansässige Wirtschaftsberatung Library House (im Dezember 2008 von Dow Jones aufgekauft) sogar das Prädikat "most invested sub-region in Europe" für den High-Tech Cluster aus. 13% des gesamten europäischen Venture Capital zur Frühphasenfinanzierung (Early-Stage VC) von Unternehmen wurden in die Region investiert.
Nationale und internationale Messen und Konferenzen zu den wissen- und wirtschaftlichen Sektoren des Clusters geben Einblicke und Hintergrundinformationen für interessierte Investoren und Firmen und finden mehrmals im Jahr statt.

Sowohl die Stadt als auch das zum Cluster zählende Hinterland (sub-regional Greater Cambridge hinterland) besitzen fern industrieller Interessen einen hohen Lebenskomfort. Das kulturelle Leben, welches die Stadt Cambridge mit Museen, Sport und touristischen Attraktionen bietet, und der in den letzten Jahren intensivierte Ausbau moderner Infrastruktur in den Stadtaußengebieten ermöglichen diese Lebensattraktivität. Zwei internationale Flughäfen, Stansted und Luton Airport, sind innerhalb einer Stunde von Cambridge aus erreichbar und der tägliche Pendelverkehr nach London (Liverpool Street und Kings Cross) ist mit dem ausgebauten Schienen- und Straßennetz gewährleistet. Allerdings schlagen sich diese Merkmale in den ebenfalls für einen Cluster typischen, enorm hohen Lebenshaltungskosten der Region nieder. Diese werden nur noch im Großraumgebiet London übertroffen. Insgesamt agiert das Gebiet um Cambridge auf dem Feld der Lebensattraktivität, Lebenshaltungskosten und Beliebtheit auf Augenhöhe mit der englischen Hauptstadt, wie das Library House in seinem jährlich erscheinendem Cluster Report dargelegt hat.

3. Thematische Stärkefelder

Bereits seit Gründung des Cambridge Science Parks 1970 gilt die Region als angesehener Standort für Biotechnologie in Europa. Die universitäre Initialzündung für den Clusterstandort im letzten Jahrhundert hat heute zu Schnittflächen zwischen verschiedenen Innovations- und Themenfeldern geführt. Die dezidierten Stärken des Clusters Cambridge liegen in folgenden Bereichen:

  • Nanotechnologien
  • Informationstechnologien
  • Gesundheits- und Lebenswissenschaften
  • Kommunikationstechnologien
  • Industrietechnologien
  • Energietechnologien
  • Werkstofftechnologien

Wissenschaftler und Technologien der Universität Cambridge haben Anteil an 300 neuen High-Tech Start-ups in den letzten zehn Jahren, wovon es gleich mehreren Existenzgründungen gelang, sich zu technologieführenden Unternehmen in ihrem spezifischen Industriefeld zu entwickeln. 112 mit Venture Capital geförderte Unternehmen agieren aktuell im Cluster und 45 aktive Spin-outs der Universität von Cambridge können in den Industrieparks gezählt werden.
Folgende Unternehmen im Cluster konnten ihre wirtschaftliche Spitzenposition durch Synergien universitärer Kooperationen erreichen oder sind direkt aus den Universitäten hervorgegangen:

4. Akteure und Netzwerke

Die Universität Cambridge bildet nicht nur den Mittelpunkt des Clusters, sondern stellt auch dessen Gründungsinstitution dar. Neben ihr wird noch die Anglia Ruskin University zu den herausragenden Bildungsinstitutionen am Forschungsstandort gezählt. Beide Hochschulen sind der Ausgangspunkt und die Ideenquelle für eine Vielzahl von Start-ups und wissenschaftlichen Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungsinstituten in dieser Region.

Bildungsinstitutionen sind der Kern aller Biotechnologiecluster. In Cambridge bestimmen sie jedoch nicht ausschließlich die Aktivitäten am Standort. Von universitären Interessensgemeinschaften unabhängige Firmen konnten sich ebenfalls langfristig im Cluster etablieren.

Die universitätsgeförderte Organisation Technopole arbeitet auf eine einheitlichere Kommunikation der verschiedenen Netzwerk- und Interessensvertretungen im Cluster hin. Die Akquisition von Fördermitteln zählt ebenso wie die Konzeption einer zielgerichteten Strategie bezüglich der Gemeinschaft von Clusterakteuren in Cambridge zu den weiteren Aufgaben von Technopole. Hierzu ermöglicht die Organisation die Teilnahme an Workshops und leistet eine zentrale Informationsaufbereitung. Mitarbeiter folgender Institutionen, Organisationen und Netzwerke des Clusters haben Technopole ins Leben gerufen:

5. Humankapital

Die Wirtschaft in Cambridge kann auf einen großen Talentpool von zukünftigen Arbeitskräften zurückgreifen. Die Universitäten UC und Anglia Ruskin zählen 16.500 respektive 28.000 eingeschriebene Vollzeitstudenten. Erstere Bildungsinstitution kann 150.000 Alumni weltweit und 31 gegenwärtig aktive Colleges vorweisen, während die Anglia Ruskin Universität sogar zwei Campus in Chelmsfort und Cambridge besitzt. Durch ihre hohen Reputationen ziehen die Hochschulen eine beachtliche Zahl ausländischer Studenten an. Zwischen 2007 und 2008 gingen mehr als 3.500 Studenten aus nicht EU-Ländern ihrem Studium an der Universität Cambridge nach.

Anzahl der Studierenden in der Universität Cambridge nach Fachrichtungen | © 2009 Greater Cambridge Partnership
Anzahl der Studierenden in der Universität Cambridge nach Fachrichtungen (Quelle: Greater Cambridge Partnership)

Insgesamt kamen nach einer Studie nur 38% der im Cluster tätigen Wissenschaftler aus dem Umfeld von Cambridge, während 24% ihrer letzten Tätigkeit im Ausland und wiederum 38% innerhalb Großbritanniens nachgingen. Der Cluster hat eine derart hohe Anziehungskraft, dass Absolventen weltweit eine Tätigkeit am Standort anstreben.

6. Entwicklungsdynamik

Seit 1990 wurden durchschnittlich drei Biotechnologiefirmen in Cambridge jährlich gegründet. Mit der Diversifizierung in die drei übergeordneten Forschungs- und Industriefelder Bio- und Nanotechnologie sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ging ein schnelles Wachstum des Clustergebietes einher. Gleichzeitig stieg die Zahl der im Cluster aktiven Initiativen, Netzwerke und Organisationen stark an. Für die rapide Regionsentwicklung wird nicht nur von Technopole eine sowohl klare Strategie als auch gemeinsam anerkannte Interessenvertretung angestrebt.

Zurzeit ist die East of England Development Agency (EEDA) für die Standortpolitik in den wirtschaftlichen Ballungszentren im Osten Englands verantwortlich. Ihre Aufgabe besteht unter anderem in der Verteilung von Fördergeldern an die regionalen Organisationen (regional Development agencies / RDAs). Greater Cambridge Partnership und East of England IDB Ltd  sind die für den Clusterstandort Cambridge zuständigen Einrichtungen. Für eine zukünftige Förderung und Entwicklung der Region wünschen sich alle Clusterakteure mehr Kompetenzen auf lokaler Ebene. Laut Technopole ist dafür zunächst eine Homogenisierung der vielfältigen Interessenvertretungen von öffentlichen und privaten Sektoren nötig, um eine zukunftsweisende Standortpolitik realisieren zu können.

40 Jahre hat der Entwicklungsprozess zum gegenwärtigen Clusterstandort gedauert. Die Universität Cambridge war einer, jedoch nicht der einzige Standortfaktor für die internationale Anziehungskraft von Cambridge. Die lokalen Organisationen denken derzeit verstärkt über Kooperationen mit anderen Standorten nach. Um eine Verbesserung der Netzwerkfähigkeit bezüglich Marketing, Finanzwelt und internationalen Standortwettbewerb zu erreichen, tendiert Technopole zu einem Ausbau der Clusterregion. In Verbindung mit London und Oxford könnte so ein Greater South East Supercluster entstehen.

7. Clusterbibliothek

8. Nachrichten und Termine

Redaktion: 05.03.2010, von: Philipp Clemens, VDI Technologiezentrum GmbH