Netzwerk für eine nachhaltige Entwicklung in Nordafrika und Westasien gegründet
[ARCHIV]
An der von der Fakultät VI der TU Berlin ausgerichteten Veranstaltung nahmen Projektpartner aus Ägypten, Algerien, Äthiopien, Irak, Iran, Marokko, Syrien und Tunesien teil. Es handelte sich dabei um Repräsentantinnen und Repräsentanten von Ministerien, Forschungsinstituten, Universitäten, Nicht-Regierungs-Organisationen und der Industrie, welche auf Initiative der West Asia North Africa Cooperation Unit (WANACU) der TU Berlin gemeinsam die Grundsätze und Ziele einer internationalen Vereinigung von Institutionen zur nachhaltigen Gestaltung von Lebensräumen in der Region Westasien und Nordafrika erarbeiteten.
In seiner Eröffnungsrede betonte TU-Vizepräsident Prof. Dr. Jörg Steinbach gegenüber den Gästen der Konferenz, zu denen unter anderem der äthiopische und der irakische Botschafter als auch Vertreter der Botschaften Algeriens, Irans und Tunesiens gehörten, die große Tradition der TU Berlin in der internationalen Kooperation. Dabei gehe es nicht nur um den Transfer von Technologie, sondern auch den interkulturelle Austausch und das persönliche Vertrauen und Verständnis füreinander, welche es auf- und auszubauen gilt. Gerade angesichts der Thematik sei es zudem wichtig, auch kritische Gedanken und Einschätzungen zu diskutieren und ernst zu nehmen. Wie auch TU-Präsident Prof. Dr. Kurt Kutzler, der die Teilnehmer aus terminlichen Gründen erst am zweiten Tag begrüßen konnte, betonte er, dass es insbesondere aus dieser Region derzeit einen starken Zuwachs an Studierenden gibt.
Der Präsident wies zudem daraufhin, dass dies nicht zuletzt ein Erfolg des intensiven Engagements der TU Berlin in der Region, insbesondere im Bereich der Stadt- und Umweltplanung, der vergangenen Jahre sei. Petra Drexler vom 2002 gegründeten Arbeitsstab „Dialog mit dem Islam“ des Auswärtigen Amtes, lobte in ihrer Rede ausdrücklich das Engagement der TU und sah insbesondere in der Mischung der ausgewählten Teilnehmer und der von ihnen repräsentierten Institutionen einen gelungenen Ansatz. Es ginge nicht darum, ausschließlich einen wissenschaftstheoretischen Dialog zu führen, sondern mit Hilfe von nicht-akademischen Partnern konkrete Projektideen auch gemeinsam in der Realität umzusetzen. Dabei liege es in der Natur des gewählten Themas „Gestaltung von Lebensräumen“, sich sehr aufmerksam und gemeinschaftlich mit den Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner und damit mit den kulturellen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. In dem ersten Teil der einwöchigen Konferenz präsentierten die Teilnehmer zunächst sich und ihre Institutionen sowie die aktuellen Problemlagen und Aktivitäten in ihren Ländern im Bereich Sustainable Habitat Development. Dabei wurde vor allem deutlich, dass neben sektoralem Fachwissen und finanziellen Ressourcen insbesondere Defizite im Bereich der integrativen Gesamtplanung, dem Durchführungsmanagement als auch der gezielten Beteiligung von Betroffenen und Akteuren herrschten.
Zudem wurde festgestellt, dass einige Länder in bestimmten Bereichen bereits über positive wie negative Erfahrungsschätze und Know-how verfügen, die ihre Nachbarn bisher nicht gemacht haben und von denen sie auch teilweise noch nicht wussten. Stattdessen durchlaufen sie nun in einigen Bereichen dieselben aufwändigen und kostenintensiven Entwicklungsverfahren. Diese und andere Zwischenerkenntnisse wurden am zweiten Tag in einer Gesprächsrunde dem Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Hacker (SPD) vorgestellt und mit ihm diskutiert. Als Mitglied des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung des Bundestages würdigte er die Initiative der TU Berlin und die Bereitschaft der ausländischen Partner, sich in einem respektvollen Dialog über die multinationalen Erfahrungen auszutauschen und mit diesem Wissen in Zukunft gemeinsam an Lösungsstrategien zu arbeiten. Dies sei auch das Ziel der europäischen Nachbarschaftspolitik, der Deutschland im Rahmen seiner EU-Präsidentschaft erhöhte Aufmerksamkeit schenken will.
Bereits seit 1995 befördert die EU im Rahmen der Euro-Mediterranen Partnerschaft (Barcelona-Prozess) die regionale Zusammenarbeit mit diesen Ländern. Die Absicht des MENASHDA-Netzwerkes, multinationale Erfahrung zu sammeln, gemeinsam mit nationalen Kapazitäten und Kompetenzen effizient auszuwerten und dann synergetisch in Stadtentwicklungsprojekte umzusetzen, sei ein gutes Beispiel für die Umsetzung des Barcelona-Prozesses. Auch aus diesem Grunde kündigte Herr Hacker MENASHDA seine Unterstützung an. Im weiteren Verlauf der Konferenz-Workshops ging es dann zukunftsgerichtet um die Festlegung von Themenschwerpunkten und die Einigung auf das Instrumentarium ihrer Bearbeitung. Angesichts des in allen beteiligten Ländern gleichermaßen massiven Bevölkerungswachstums, der gesellschaftlichen Transformationsprozesse und der dramatischen Ressourcenverknappung der Region wurden im anschließenden Workshops gemeinsam mit Vertretern der TU Berlin drei praxisbezogene Themenfelder festgelegt:
- Urban Renewal and Informal Transformation Processes
- Open Space Management and Environmental Planning
- Housing and New Settlements
Dahinter stehen insbesondere die Themenbereiche kosteneffizienter Wohnungsbau, energiesparendes Bauen, nachhaltige, ökologische Siedlungsentwicklung sowie soziale, integrierte Stadterneuung, Wasserkreisläufe und Freiraumplanung sowie übergreifend Governance und Management. Es gilt insbesondere in diesen Bereichen zügig und effizient Erfolge zu erzielen, aber zugleich langfristig und nachhaltig Strategien und Strukturen zu entwickeln sowie Akteure aus- und fortzubilden. Daher sind diese drei Schwerpunktthemen, zu denen es bereits erste Gespräche über umsetzungsorientierte Pilotprojekte, Studiengang- und Fortbildungsmodule gab, besonders projektorientiert gedacht. Ausbildung spielt angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Bevölkerung der beteiligten Länder jünger als 23 Jahre ist, eine enorme Rolle. Zu jedem der Schwerpunkte wurden für das erste Halbjahr 2007 bereits Workshops in der Region beschlossen, von denen der erste zum Themenbereich „Urban Renewal and Informal Transformation Processes“ voraussichtlich im Februar in Algier stattfinden wird.
Über die drei Themenschwerpunkte hinaus soll es Arbeitsausschüsse für die übergeordneten Forschungs- und Entwicklungsfelder „Appropriate Technologies“ und „Planning Management“ geben, die sich im nächsten Jahr vor allem mit der Bestandsaufnahme und der Einrichtung von Datenbanken beschäftigen werden. Nach der Auswertung des vorhandenen Wissens soll dieses gemeinschaftlich weiterentwickelt werden und dann wieder in die drei projektorientierten Schwerpunktthemen einfließen. Als dritter wichtiger Arbeitsschritt folgte die Diskussion und Festlegung von praktikablen Instrumenten. Aus vorangegangenen bilateralen Gesprächen und Fact Finding Missions der nationalen Vertreter und von Professoren der TU Berlin zeichneten sich hier folgende Aktivitäten ab, die nun auch weiterverfolgt werden sollen: praxis- und anwendungsorientierte Pilotprojekte, Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die Entwicklung von Curricular für gemeinsam anzubietende und nutzbare Studienmodule und Short Courses, gemeinsame Beratungsleistungen und Gutachten (so genannte Rapid Appraisals) und die gemeinschaftliche Ausrichtung von internationalen Fachkonferenzen.
Die erste Konferenz ist bereits für August 2007 zum Thema „Appropriate Technologies“ terminiert und wird von MENASHDA direkt im Anschluss an die eigene Vollversammlung in Berlin ausgerichtet. Zudem wurde gegen Ende der Konferenz bereits damit begonnen, gemeinsam geeignete Förderprogramme zu identifizieren, um neben der konzeptionellen Weiterentwicklung und dem Beginn erster kleinerer Maßnahmen auch die notwendigen Mittel für die Durchführung von größeren Vorhaben zu akquirieren. Dabei sollen EU-Mittel beantragt werden, aber auch Weltbank und andere internationale Geber über die staatlichen Mitglieder von MENASHDA beworben als auch potentielle Sponsoren der Industrie durch alle Beteiligten angesprochen werden. Am letzten Tag wurden alle Teilnehmer mit Aufgaben für die kommenden Wochen bedacht: So sollen beispielsweise weitere potentielle Partnerinstitutionen in den Ländern identifiziert und angesprochen werden, Master- und PhD-Kandidatinnen und -Kandidaten gewonnen werden, die ihre Arbeiten zu MENASHDA-relevanten Themen schreiben wollen und natürlich auch in den Ländern nach Fördermitteln und Ko-Finanzierungen gesucht werden.Abschließend würdigte Projektleiter Prof. Dr. Rudolf Schäfer vor allem die äußerst freundschaftliche und produktive Atmosphäre, in welcher der Workshop stattfand. „Ich muss zugeben, dass ich nicht damit gerechnet hatte, dass dieser Konferenz so ergiebig verlaufen würde, und dass das Interesse an einer multilateralen Kooperation so groß sein würde.“
Zudem sei er beeindruckt, mit welcher Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit die vorgeschlagene Idee eines aktiven Netzwerkverbandes aufgenommen und mit ersten Inhalten und Aktivitäten gefüllt wurde. „Wir haben uns als MENASHDA eine Menge vorgenommen, aber ich freue mich sehr auf die gemeinsame Herausforderung!“ – sprach er und fuhr in Richtung Tegel, wo sein Flugzeug nach Teheran bereits auf ihn wartete. Dort wurde ein Workshop mit Projektpartnern zum Thema „New Towns“ im Rahmen des im BMBF-Forschungsprogramms „Forschung für eine nachhaltige Entwicklung von Megastädten von morgen“ geförderten „Young Cities“-Projektes eigens unterbrochen, damit er an der MENASHDA-Konferenz teilnehmen konnte. Es gibt viel zu tun…Ziel des MENASHDA-Projektes ist es, Ende 2007 oder spätestens 2008 diese und potentiell weitere Aktivitäten in einem internationalen Verein zu institutionalisieren. Das Projekt wird derzeit mit Mitteln des Auswärtigen Amtes durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Programm „Deutsch-Arabisch/Iranischer Hochschuldialog“ unterstützt.
Quelle: http://wanacu.tu-berlin.de
Redaktion: 04.12.06, von: Dipl.-Ing. Kester von Kuczkowski, Technische Universität Berlin
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