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Gerda Henkel Stiftung bewilligt 5 Millionen Euro für neue Projekte

Internationalisierung Deutschlands, Bi-/Multilaterales

Die Gerda Henkel Stiftung nimmt weltweit 46 neue Forschungsprojekte in ihre Förderung auf. Hinzu kommen fünf Bewilligungen für soziale Begleitmaßnahmen. Insgesamt wurden Anträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus 24 Ländern positiv entschieden. Die Stiftungsgremien bewilligten hierfür knapp 5 Millionen Euro.

Zu den unterstützten Vorhaben gehört ein Projekt über die Pariser "Commune" vor 150 Jahren. Neue Erkenntnisse verspricht zudem eine Studie zum Leben in jenen Stadtteilen der USA, in denen die Folgen der Deindustrialisierung besonders ausgeprägt sind. Das kulturelle Erbe im Irak ist Thema gleich mehrerer Projekte. In der Republik Tschad können zwanzig Saharagärten entstehen.

Ein Team um die niederländischen Historiker Dr. Mathijs van de Sande und Prof. Dr. Carolien van Ham (Nimwegen) untersucht das Fortleben der Pariser "Commune". Vor gut 150 Jahren, im März 1871, erklärten die Bürger von Paris ihre Stadt zur freien "Commune". Obwohl die französische Nationalregierung die Stadt nach nur 72 Tagen blutig zurückeroberte, ist die "Commune" bis heute in lebhafter Erinnerung. Anhand historischer Beispiele bis hin zu Protestbewegungen der Gegenwart möchte die Forschergruppe der Radboud University zeigen, dass die Pariser "Commune" in der demokratischen Praxis bis heute eine wichtige Bezugsgröße darstellt. Die Gerda Henkel Stiftung unterstützt das Projekt in Rahmen ihres Förderschwerpunkts "Demokratie".

Als "Rust Belt" gilt die seit den 1970er Jahren in die Krise geratene Industrieregion im Nordosten der USA. Als "Rust Archipelago" - "Rost-Archipel" - bezeichnet der New Yorker Stadtforscher Prof. Dr. Joseph Heathcott eine Kette von Stadtgebieten in fünf Metropolregionen: in Philadelphia, St. Louis, Gary, Birmingham und Detroit. Deindustrialisierung und Kapitalflucht haben hier deutliche Spuren hinterlassen. Wer jedoch nur auf Leerstand und marode Infrastruktur blickt, so Heathcott, übersieht das immer noch vorhandene Leben in diesen Stadtteilen. Im Förderschwerpunkt "Lost Cities" der Stiftung stellt das Forschungsprojekt daher die Frage, wie ihre Bewohner die großen Veränderungen ihrer Umgebung seit 50 Jahren bewältigen.

Mossuls Altstadt ist charakterisiert durch ein dichtes Gewirr aus Häusern, Märkten, Bädern, Moscheen, Kirchen und Synagogen. Nach der Besetzung durch die Terrormiliz ISIS im Jahr 2014 war insbesondere dieser Teil der Stadt Schauplatz der Rückeroberung. 2018 schätzte die Weltbank, dass ein Drittel der Wohnhäuser zerstört bzw. ernsthaft beschädigt wurden. Nahezu alle anderen erlitten leichtere Schäden. Prof. Dr. Richard Zettler (University of Pennsylvania) und Ali Hazim Dhanoon (Antikenbehörde Erbil) planen eine Bestandsaufnahme der traditionellen Bebauung in der Altstadt. Hatte dort vor 2014 ein Mikrokosmos ethnischer und religiöser Diversität vorgeherrscht, zielte das ISIS-Regime durch Konvertierung und Vertreibung auf eine homogene salafistische Bevölkerungsstruktur. Das Projekt soll damit auch helfen, die kulturelle Identität und Erinnerung an eine vormalige Vielfalt zu bewahren.

2019 entdeckte ein irakisch-italienisches Team im kurdischen Faida im Irak entlang eines assyrischen Bewässerungskanals zehn Felsreliefs. Für den Fund wird die Gruppe um Prof. Dr. Daniele Morandi Bonacossi (Universität Udine) und Dr. Hasan Ahmed Qasim (Antikenbehörde Duhok) am 9. April 2021 mit dem Preis „Khaled al-Asaad“ geehrt, benannt nach dem 2015 ermordeten ehemaligen Direktor der Ausgrabungen und Museen Palmyras. Nachdem die Archäologen die assyrischen Tafeln aus dem 8./7. Jh. v. Chr. im vergangenen Jahr dokumentiert haben, geht es ihnen nun darum, sie für die Zukunft vor illegalen Ausgrabungen und Vandalismus zu schützen. Mit Mitteln aus dem Förderschwerpunkt "Patrimonies" wollen die Wissenschaftler die Ausgrabungsstelle umzäunen und die Anwohner mit einer Informationskampagne in ihre Arbeit einbeziehen.

"Präsent, aber vergessen" nennt der Islamwissenschaftler Dr. Khodada Rezakhani (Princeton) die frühere Hauptstadt der Parther und Sassaniden, Ktesiphon. Als in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts das nur unweit nördlich gelegene Bagdad gegründet wurde, schwanden Ktesiphons Bedeutung und Größe aus dem Bewusstsein. Ein Team aus Historikern, Religionswissenschaftlern und Philologen sichtet die materiellen und erzählenden Quellen, die bislang eher getrennt betrachtet wurden. Die Wissenschaftler wollen sich so ein grundsätzliches Bild machen: von Ktesiphon und der Region des mittleren Tigris insgesamt.

Das im Norden der Republik Tschad gelegene Tibesti ist das höchste Gebirge der Zentralsahara. In den Oasen des Tibesti pflanzten deren Einwohner, die Tubu Teba, früher Dattelpalmen an. Infolge jahrzehntelanger kriegerischer Auseinandersetzungen und Abwanderung gerieten Dattelkultur und Gartenbau jedoch in Vergessenheit. Heute leben die Teda über den Tschad, Libyen und den Niger verteilt; Drogenschmuggel, Migration und Terrorismus haben die Sahara destabilisiert. Dr. Tilman Musch (Universität Bayreuth) und Djiddi Allahi Mahamat (N'Djamena) wollen nach traditionellem Vorbild 20 "Saharagärten" für Datteln, Obst, Gemüse und Kräuter anlegen. Erweitert um moderne Techniken wie 3-Etagenwirtschaft, Tröpfchenbewässerung und Solarenergie sollen sie die wirtschaftliche Perspektive der lokalen Bevölkerung verbessern und zur Stabilisierung Tibestis beitragen. Die tschadisch-deutsche Initiative ergänzt als soziale Begleitmaßnahme ein von der Stiftung gefördertes Forschungsprojekt Tilman Muschs.

Quelle: Gerda Henkel Stiftung/ IDW Nachrichten Redaktion: von Mirjam Buse, VDI TZ GmbH Länder / Organisationen: Global Themen: Förderung Geistes- und Sozialwiss.

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