StartseiteAktuellesNachrichtenBritischer Premierminister Johnson kündigt Maßnahmenpaket für die Zeit nach dem Brexit an

Britischer Premierminister Johnson kündigt Maßnahmenpaket für die Zeit nach dem Brexit an

Berichterstattung weltweit

Durch vereinfachte Einreise- und Visabestimmungen für Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Anschlussfinanzierungen für bislang von der EU geförderte Projekte soll Großbritannien ein attraktiver Forschungsstandort bleiben.

Der britische Premierminister Boris Johnson hat das Innenministerium und das Ministerium für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie angewiesen, in Kooperation mit der Wissenschaft neue Programme zu entwickeln, um Spitzenforscherinnen und -forschern aus dem Ausland die Arbeit in Großbritannien zu erleichtern. Johnson schlägt dazu eine Reihe von Maßnahmen vor.

Über ein sogenanntes fast-track Programm sollen Einreise- und Visabestimmungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vereinfacht werden – sowohl für Nachwuchsforscher als auch für international renommierte Wissenschaftler. Dazu zählt etwa die Aufhebung der Obergrenze für sogenannte Tier 1 Visa (derzeit 2.000). Diese Visa sind für "besonders talentierte" Wissenschaftler vorgesehen und müssen im Gegensatz zu den am häufigsten genutzten Tier 2 Visa nicht durch einen Arbeitgeber finanziell unterstützt werden. Erwartet wird, dass die Antragszahlen für Tier 1 Visa im Zuge es EU-Austritts stark steigen werden; bislang wurde die Grenze von 2.000 Visa nie erreicht.

Um die Antragsstellung zu erleichtern, können Universitäten und Forschungseinrichtungen potenzielle Kandidaten künftig unterstützen. Außerdem sollen Auflagen wie der Nachweis eines Arbeitsplatzes entfallen und Angehörige vollständigen Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Darüber hinaus will die Regierung über die Forschungsförderagentur UK Research and Innovation (UKRI) weitere Fördermittel für Forschungsprojekte bereitstellen, die derzeit durch EU-Mittel gefördert werden und im Zuge eines möglichen EU-Austritts ohne Austrittsabkommen (No-Deal Brexit) den Zugang zu Fördergeldern verlieren würden. Das gilt insbesondere für Projekte des European Research Council (ERC), der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) und des SME Instruments. Bereits eingereichte, aber noch nicht bewilligte Projekte würden in dem Fall ebenfalls durch UKRI bewertet werden.

Die Wissenschaftsgemeinschaft begrüßt die Pläne in weiten Teilen, bleibt aber besorgt über einen möglichen No-Deal Brexit, der vor allem die enge Anbindung an die EU und die Förderprogramme Horizont 2020 bzw. Horizont Europa kappen würde. Venkatraman Ramakrishnan, Präsident der Royal Society sagte dazu:

"We welcome the government's objective of supporting science by facilitating immigration of researchers at all levels, and look forward to discussing the details of a new immigration system. But the fact remains, half of international academic talent in UK universities comes from the European Union and the EU is our single largest research collaborator. Alongside immigration reform, therefore, maintaining close working ties with researchers in Europe and access to EU research funding, are essential. A no-deal exit from the EU is the worst option for science."

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Royal Society kommt zu dem Schluss, dass ein Drittel aller Fachzeitschriftenartikel von britischen Forschern mit Wissenschaftlern aus der EU oder aus Ländern, die im Rahmen von Horizont 2020 assoziiert sind, co-publiziert wurden. Demgegenüber stehen nur 17,6 Prozent, die mit US-amerikanischen Partnern veröffentlicht wurden.

Kritiker bemängeln, die Maßnahmen würden nicht weit genug reichen und die Konsequenzen aus dem EU-Austritt nur unzureichend abfangen. James Wilsdon, Professor an der Sheffield University, bezeichnet die Vorschläge als Kleinigkeit "compared to the chaos, disruption and damage to the UK's attractiveness to international collaborators and mobile talent that will result from a no-deal Brexit".

Befürchtet wird vor allem, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, technisches Hilfspersonal und Studierende aus der Europäischen Union dasselbe, aktuell sehr zeit- und kostenintensive Einreiseprozedere durchlaufen müssen und damit die Attraktivität Großbritanniens als Forschungsstandort erheblich abnehmen würde. Vertreter aus der Forschung weisen ferner darauf hin, dass der zu erwartende wirtschaftliche Schaden in Folge eines No-Deal Brexit sowie die anhaltende Unsicherheit hinsichtlich grenzüberschreitender Forschungskooperationen das Ziel, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, deutlich erschweren würde.

Zum Nachlesen

Quelle: GOV.UK, UK Research and Innovation, BBC News, Sciencemag, ThePieNews Redaktion: von Alexander Bullinger, VDI TZ GmbH Länder / Organisationen: Vereinigtes Königreich (Großbritannien) Themen: Fachkräfte sonstiges / Querschnittsaktivitäten Strategie und Rahmenbedingungen

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