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Reform des höheren öffentlichen Dienstes in Frankreich: Erste Vorschläge

Berichterstattung weltweit

Mehr Praxiserfahrung und weniger Klassendenken: Die Karrierewege der hohen Beamten in Frankreich sollen modernisiert werden.

Staatspräsident Emmanuel Macron hatte im April 2019 bekannt gegeben dass der höhere Dienst offener werden und näher an den Bürgern ausgerichtet sein soll. Der für die Ausarbeitung von Reformansätzen beauftragte hohe Beamte Frédéric Thiriez wird erst im Januar 2020 seinen Bericht vorlegen. Wie die französische Tageszeitung Le Monde berichtet, wurden nun bereits erste Vorschläge vorab bekannt.

So hatte Macron angekündigt, dass die traditionsreiche Verwaltungshochschule ENA (Ecole nationale d‘administration) zugunsten einer neuen Einrichtung abgeschafft werden soll. Laut den Informationen von Le Monde schlägt Thiriez nun zumindest eine umfassende Umstrukturierung vor. In einem ersten Schritt solle es zukünftig einen Studierenden-Pool geben, der von den sieben zentralen Verwaltungshochschulen gemeinsam gesteuert wird: der ENA, der Hochschule für Richter (Ecole nationale de la magistrature), der für regionale Führungskräfte (Institut national des études territoriales), der für Polizei-Kommissare (École nationale supérieure de la police) und der für Führungskräfte im Gesundheitsbereich (Ecole des hautes études en santé publique). Nach den jeweiligen Auswahlverfahren sollen die Zugelassenen für sechs bis zwölf Monate gemeinsam verschiedene Praktika und Seminare absolvieren um die „Realität vor Ort“ kennenzulernen, wie Le Monde eine Quelle zitiert. Angedacht sind beispielsweise einige Wochen bei der Armee oder bei der Betreuung von Zivildienstleistenden. Danach kehren alle an ihre eigentliche Hochschule zurück. An der ENA sollen dann aber nicht nur wie bisher 80 „zivile Verwaltungsfachleute“ (administrateurs civils) ausgebildet werden. Auch die zukünftigen hohen Beamten der sogenannten „technischen Beamtengruppen“ (grands corps techniques) – Absolventen hochselektiver Ingenieurhochschulen wie der École des Mines oder Ponts et Chaussées – sollen ihr Studium an der ENA beenden. Die verschiedenen Gruppen würden sich untereinander bisher nicht kennen, ja sich sogar „nicht mögen“, wie Le Monde schreibt. Das soll sich ändern. Die Zahl der ENA-Studierenden würde dann auf 240 steigen.

An der ENA selbst sollen in den Auswahlverfahren einen deutlich größerer Schwerpunkt auf Handlungsfähigkeit statt auf reines Wissen gelegt werden. „Es ist uns egal, dass sie [die Bewerber, AdR] wissen wie breit die Donau in Wien ist. In diesem Stadium ist es wichtig, was sie in dieser oder jener Situation tun würden und ob sie Führungspotential haben“, zitiert Le Monde eine weitere Quelle. Zudem wird Thiriez laut Le Monde vorschlagen, dass der Staat landesweit 20 Vorbereitungsklassen für die ENA-Zulassungsverfahren finanziert, um die Bewerberprofile zu diversifizieren.

Macron plädierte im April 2019 weiterhin dafür, dass die hohen Beamten ihre Posten nicht mehr mit Hochschulabschluss auf Lebenszeit sicher haben. Hier wird Thiriez laut Le Monde vorschlagen dass das Jahrgangsranking der ENA abgeschafft wird. Aktuell erhalten die 15 Besten eines ENA-Jahrgangs direkt einen der begehrten und einflussreichen Lebenszeitposten beim Rechnungshof, der Generalinspektion für Finanzen oder dem Staatsrat („Grands corps administratifs“). Und haben damit mit teilweise erst 28 Jahren bereits die Spitze der Karriereleiter erreicht. Stattdessen soll nun eine Jury auswählen, wer wohin kommt und frühestens nach vier Jahren Praxiserfahrung eine Aufnahme in die „Grands corps“ möglich sein. Für die Leitung von öffentlichen Einrichtungen wie etwa eines Berufungsgerichts oder einer Verwaltung schwebe Thiriez eine Art zusätzliche Führungskräfte-Ausbildung vor, wie sie beim Militär üblich ist (entspricht in Deutschland dem Generalstabslehrgang). Der Abschlussbericht werde zudem für eine zentrale Personalverwaltung innerhalb der Regierung plädieren, die für alle 13.000 hohen Beamten (Kategorie A+) zuständig ist. Damit solle auch verhindert werden dass der öffentliche Dienst an Attraktivität gegenüber der Wirtschaft verliert.

Wie Le Monde berichtet, regt sich bei den betroffenen Beamtengruppen bereits jetzt großer Widerstand. Die Gewerkschaft der Richter habe die bisher bekannten Vorschläge beispielsweise als „armselig“  und „absurd“ bezeichnet.

Zum Nachlesen

Quelle: Le Monde Redaktion: von Kathleen Schlütter, Deutsch-Französische Hochschule Länder / Organisationen: Frankreich Themen: Bildung und Hochschulen Strategie und Rahmenbedingungen

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