Überblick

Nach dem historischen Sturz des langjährigen autokratisch regierenden Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali im Januar 2011 verändert sich die politische Landschaft in Tunesien in allen Bereichen. Tunesien befindet sich gegenwärtig (Stand August 2014) noch immer in einer Phase des politischen Überganges. Bisher sind im Bereich Bildung, Forschung und Innovation keine politischen Impulse zu umfassenden Reformen zu verzeichnen gewesen. Daher sind für Bildung, Forschung und Innovation gegenwärtig weiterhin die schon zu Zeiten von Ben Ali gesetzten Schwerpunkte und Programme maßgeblich.


Der gesamte Bildungssektor steht vor allem aufgrund des demografischen Wandels (rascher Anstieg der Schüler- bzw. Studentenzahlen im Sekundar- und Hochschulbereich) vor einer großen Herausforderung, und dies zu einem Zeitpunkt, da die Schulbildung und die Verknüpfung zwischen Bildungswesen, Forschung und Arbeitsmarkt unbedingt verbessert werden müssen, damit Tunesien die Kompetenzen erlangen kann, die in dem wachsenden internationalen Wissenswettbewerb erforderlich sind.


Diese Entwicklung stellt die Fähigkeit des Hochschul- und Berufsbildungssystems in Frage, den Nachfrageanstieg wirksam zu bewältigen und zugleich die Ausbildung ohne zusätzliche Ausgaben besser an die Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen.

Forschungspolitische Ziele

Die Identifizierung der forschungs- und bildungspolitischen Schwerpunktsetzungen der Regierungen unter Ben Ali erfolgt 1. anhand der im Orientierungsvermerk zum XI. Plan festgelegten Prioritäten und 2. anhand des letzten Präsidentschaftsprogramm von Ben Ali (2009-2014) (sowie 3. anhand der großen bereits in Angriff genommenen Vorhaben des X. Plans).

1. Der XI. Nationale Entwicklungsplan für den Zeitraum 2007-2016 bildet den wichtigsten Referenzrahmen der tunesischen Forschungs- und Bildungspolitik.
Die forschungs- und bildungspolitischen Schwerpunkte der Regierungen unter Präsident Ben Ali sind in den Fünfjahresplänen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung niedergelegt, die auch das wichtigste Programmierungsinstrument darstellen. In diesen Plänen werden die strategischen Weichenstellungen und die politischen Schwerpunkte sowie die zu ihrer Umsetzung erforderlichen Investitionsprogramme festgelegt. Damit bilden sie die Grundlage für den Investitionshaushalt des Staates. Der bis zum Sturz von Ben Ali gültige XI. Entwicklungsplan erstreckt sich auf den Zeitraum 2007-2011. In diesem lassen sich folgende sektorspezifische Prioritäten identifizieren:

  • Entwicklung von Humanressourcen, allgemeine und berufliche Bildung gelten im XI. Plan grundsätzlich als Schwerpunktbereiche. Auf diese Sektoren entfallen der größte Teil des Staatshaushalts und auch die meisten Reformen (Einführung des Systems Bachelor, Master, Promotion, gegenseitige Anerkennung der Bildungsabschlüsse, Ausbau der Qualifizierungsmöglichkeiten, etc). Die Verbesserung der Erfolgsaussichten von Schülern und Studenten bildet nach der Beschäftigung die zweite Priorität im Programm des Entwicklungsplans, da diese beiden Ziele eng miteinander verknüpft sind. Diese Sektoren werden höchst wahrscheinlich auch in nachfolgenden Plänen weiterhin einen wichtigen Schwerpunkt bilden.
  • Die wissensbasierte Gesellschaft und die Entwicklung der Informationstechnologien sind Schwerpunktbereiche, die die Regierung seit dem X. Plan verfolgt und die mit der Abhaltung des Weltgipfels über die Informationsgesellschaft in Tunis Mitte November 2005 wieder neue Impulse erhalten haben. Diese Themen sind für die Entwicklungspolitik des Landes, wie sie im Orientierungsvermerk skizziert wird, von zentraler Bedeutung, doch parallel dazu müssten auch die unternehmerischen Freiheiten und die Meinungsfreiheit sowie die unabhängige Regulierung des Sektors entwickelt werden, was die Grundvoraussetzung für die Entwicklung eines besseren numerischen Angebots in diesen Bereichen bildet.

Maßnahmen zur Erreichung dieser Zielsetzungen:

  • Weiterentwicklung des nationalen Forschungssystems, Aufbau von Laboratorien
  • Förderung nationaler Forschungsthemen wie Energie, Landwirtschaft, Gesundheit und Innovation im Verarbeitenden Gewerbe;
  • Verbesserung der Kooperation Wissenschaft/Wirtschaft, Aufbau von Netzwerken, Ausbau der Technoparks. Seit 2003 unterstützt die tunesische Regierung erfolgreich den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft über "Technoparks" u.a. zu den Themen IKT, Wasser, Energie, Gesundheit, Biotechnologie, Mikroelektronik, Textilien, Ernährungswirtschaft.

2. Präsident Zine el-Abidine Ben Ali hatte in seinem letzten Präsidentschaftsprogramm (2009-2014) "Together we meet Challenges" zahlreiche Leitlinien für die Weiterentwicklung der Bereiche der Höheren Bildung und der wissenschaftlichen und technologischen Forschung formuliert.

A) Höhere Bildung u. a.:

  • Verbesserung der Höheren Bildung und Erzielung internationaler Standards;
  • Ausbau des berufsbezogenen Master-Programms in Partnerschaft mit der Wirtschaft;
  • Stärkere nachfrageorientierte Ausbildung;
  • Stärkung der universitären Autonomie;
  • Aufbau zusätzlicher virtueller Bildungsangebote;
  • Digitalisierung der Bestände von Universitätsbibliotheken;
  • Steigerung der Hochschulabsolventen in Naturwissenschaften und Ingenieurbereich von 11,7 Prozent auf 18 Prozent bis 2014

B) Forschung u. a.:

  • Erhöhung des Anteils der Forschungsausgaben am BSP von 1,25 Prozent auf 1,5 Pro¬zent in 2014;
  • Errichtung drei neuer regionaler Knotenpunkte für Forschung und Innovation im Norden, Süden und Zentrum des Landes;
  • Aufbau sektoraler Innovationsnetzwerke;
  • Verbesserung der Verwertbarkeit von Forschung;
  • Einbindung tunesischer wissenschaftlicher "Diaspora"

Innovationspolitische Ziele

Seit über zwei Dekaden nehmen die Themen Innovation und Verbesserung der FuE Indikatoren vor dem Hintergrund der prioritären politischen Ziele wirtschaftlicher Entwicklung und Wettbewerbssteigerung einen hohen Stellenwert auf den Agenden wie den nationalen Entwicklungsplänen und den Präsidentenprogrammen ein – zumindest in der politischen Rhetorik. Tatsächlich jedoch blieben die Umsetzungen der politischen Vorhaben oft hinter den gesetzten Zielen zurück, auch weil sich die verschiedenen politischen Ansätze als zu wenig koordiniert erwiesen. Eine kohärente übergreifende Strategie zur Innovationsförderung besteht bisher in Tunesien nicht; was diesem am nächsten kommt, sind die Bemühungen, mittels Technoparks privatwirtschaftliche und wissenschaftliche Aktivitäten in Verbindung zu bringen.
Auf politischer Ebene werden im Rahmen der jährlichen Sitzung des Superior Council of Scientific Research and Technology die Entwicklungen im FuE-Sektor evaluiert, nationale Forschungsschwerpunkte festgelegt und mögliche Verlinkungen zwischen Privatwirtschaft und Forschungssektor untersucht.

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