Bildungspolitische Zielsetzungen und Programme

Unmittelbar nach seinem erneuten Amtsantritt hat der russische Präsident Putin im Rahmen der sogenannten Mai-Dekrete eine Reihe von Zielen ausformuliert, die bis 2024 erreicht werden sollten (Dekret 204 vom 7. Mai 2018). Es gibt demnach zwei strategische Ziele im Bildungsbereich:

  • Angestrebt wird, dass Russland in Bezug auf Bildungsqualität einen Platz unter den Top 10 weltweit einnimmt. Dazu soll die Wettbewerbsfähigkeit russischer Bildung im globalen Vergleich sichergestellt werden.
  • Mit Hilfe von Bildung sollen harmonisch entwickelte und sozial verantwortliche Persönlichkeiten auf der Basis moralischer und spiritueller Werte geformt werden.

Um diese Ziele zu erreichen, ist geplant:

  • neue pädagogische Methoden und Technologien auf allen Ebenen der primären und sekundären allgemeinen Bildung einzuführen, um Basiskompetenzen und -fähigkeiten auszubilden, und die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen;
  • ein effektives Systems für die Identifikation und Förderung von Begabungen bei Kindern und Jugendlichen zu schaffen;
  • die frühkindliche Entwicklung von Kindern unter drei Jahren zu verbessern, u.a. durch eine Unterstützung der Eltern, die die vorschulische Bildung innerhalb der Familie gewährleisten wollen;
  • eine moderne und sichere digitale Umwelt zu schaffen, um die Zugänglichkeit und Qualität von Bildung auf allen Ebenen zu gewährleisten;
  • ein nationales System für die berufliche Fortbildung von Lehrkräften zu etablieren, das mindestens 50 Prozent der Lehrenden in allgemeinen Schulen erreicht;
  • die berufliche Ausbildung zu modernisieren, unter anderem durch Umsetzung praxisorientierter und flexibler Programme;
  • ein System zu etablieren, dass die Weiterbildung von berufstätigen Bürgerinnen und Bürgern gewährleistet, unter anderem im Bereich der digitalen Wirtschaft;
  • die Entwicklung von Mentoren, Bürgerinitiativen und freiwilligem Engagement zu fördern;
  • Die Anzahl der internationalen Studierenden an den russischen Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen bis 2024 zu verdoppeln. Die Besten davon sollen in der Russischen Föderation berufstätig sein. 

Um die Umsetzung des Mai-Dekrets voranzutreiben, hat die russische Regierung im Dezember 2018 die Grundzüge von insgesamt 12 Nationalen Projekten, u.a. im Bereich Bildung („National Project Education“) bekannt gegeben (Publikation „National Projects: Target Indicators and Key Results“ in russischer Sprache).
Die Lancierung eines Wettbewerbs für Exzellenzhochschulen („Russian Academic Excellence Project“) fand bereits fünf Jahre vor dem Start des Nationalen Projekts Bildung statt („5Top100-Initiative“ siehe unter Bildung und Hochschulen). Die russische Regierung hat bereits zugesagt, das Projekt 2020 neu auszuschreiben und die Förderung von derzeit 21 auf mindestens 30 Hochschulen auszudehnen (Quelle: More Universities to Join Project 5-100, Says Russian PM Dmitry Medvedev, April 12, 2019).

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Forschungs- und Innovationspolitische Ziele und Programme

Im Dezember 2014 wurden die Zielsetzungen der Nationalen Technologie-Initiative („National Technology Initiative“, NTI) vorgestellt, nach denen Russland auf dem Weg zu globaler Technologieführerschaft im Jahr 2035 ausgewählte neue Märkte durch technologische Innovationen erschließen soll. Dazu gehört, dass störende Regularien beseitigt werden und Investitionen in den Aufbau von Kapital und Humanressourcen fließen. Im Fokus stehen 9 Themengebiete mit einem Fokus auf Netzwerktechnologien, die an die Bedürfnisse des Endkonsumenten anzupassen sind (siehe unter Fachliche Stärken zu Netzwerktechnologien).

Die wichtigsten forschungs- und innovationspolitischen Ziele für den Zeitraum von 2016 bis 2024 wurden in der„Strategie für die wissenschaftliche und technologische Entwicklung der Russischen Föderation" („Strategy for the Scientific and Technological Development of the Russian Federation“) festgelegt, die durch Dekret Nr. 642 des Russischen Präsidenten vom 1. Dezember 2016 angenommen wurde (siehe unter Fachliche Stärken zu fachlichen Prioritäten der Strategie). Direkt nach seiner erneuten Amtseinführung 18 Monate später unterzeichnete Präsident Putin das Mai-Dekret, das neben bildungs- auch forschungs- und innovationspolitische Ziele festlegt (Dekret 204 vom 7. Mai 2018). Dazu gehören:

  • Russland soll 2024 in Forschungs- und Technologiegebieten mit hoher wissenschaftlicher Priorität zu den Top 5-Nationen weltweit gehören;
  • Russland soll führenden russischen und ausländischen Forschenden sowie dem eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs attraktive Arbeitsplätze bieten;
  • Alle Akteure, die in wissenschaftliche FuE investieren, sollen ihre Anstrengungen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ausbauen.

Im Dezember 2018 gab die russische Regierung die Grundzüge eines Nationalen Projekts Wissenschaft („National Project Science“) bekannt, um die Umsetzung des Mai-Dekrets voranzutreiben (Publikation „National Projects: Target Indicators and Key Results“ in russischer Sprache). Im Zeitraum von 2019-24 werden für das Nationale Projekt Wissenschaft zusätzliche Mittel in Höhe von 300 Milliarden Rubel (4,5 Milliarden USD) zur Verfügung gestellt. Insgesamt ist das Nationale Projekt Wissenschaft mit Finanzmitteln von 635 Milliarden Rubel (etwa 9 Milliarden USD) unterlegt und wird in drei Unterprojekte unterteilt (Zusammenfassung in englischer Sprache):

  • Erstens sollen unter dem Wissenschafts-Industrie-Kooperations-Projekt Wissenschaftszentren von Weltklasse (u.a. internationale Zentren für Mathematik und Genomforschung) sowie 15 Wissenschafts- und Bildungscluster (Science and Ecuation Clusters, SECs) aufgebaut werden.
  • Das Infrastruktur-Projekt sieht vor, ein Netzwerk von einzigartigen Großforschungseinrichtungen aufzubauen, gleichzeitig einen großen Teil der existierenden Forschungsinfrastruktur gezielt zu modernisieren und diese mit ingenieurwissenschaftlichen Zentren zu verbinden.
  • Drittens wird unter dem Humanressourcen-Projekt  angestrebt, einen systematischen integrierten Ansatz für die Ausbildung von Fachkräften in Forschung und Lehre zu entwickeln.

Bis 2024 sollen die oben erwähnten 15 Wissenschafts- und Bildungscluster (SECs) über das Land verteilt aufgebaut werden, dazu kommen 14 Kompetenzzentren der Nationalen Technologie-Initiative. Derzeit werden in fünf Regionen Pilot-Cluster aufgebaut (Kemerowo (Kuzbass), Nischny Nowgorod, Regionen Tyumen und Belgorod sowie Perm Krai). Dazu gehört das „Ural Interregional Science and Education Cluster“, das von großen Hochschulen wie der Ural Federal University (UrFU) und der South Ural State University (SUSU) sowie Unternehmen getragen werden soll. Die jährlichen Investitionen von 1 Milliarde Rubel sollen überwiegend aus dem Privatsektor und von den Regionen kommen. Auch außeruniversitäre Einrichtungen wie der Ural-Regionalzweig der Russischen Akademie der Wissenschaften werden eingebunden. Die Akademie soll zusammen mit der UrFU das Ural Center for Mathematical Sciences beherbergen, das den Einsatz von maschinellem Lernen für das Design neuer Materialien erforscht (Quelle: Ural Regions to Play Host to Breakthrough Science, July 23, 2019).

Mit einer Laufzeit von 2019-30 reicht das staatliche Programm „Scientific and Technological Development of the Russian Federation“, das im März 2019 veröffentlicht wurde, noch über die Laufzeit der Nationalen Projekte hinaus. Deren Zielsetzungen für Bildung, Wissenschaft und Digitale Ökonomie wurden in das Programm mit einbezogen (Zusammenfassung).

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Ergebnisse von Evaluierungen

Russland hatte 2011 sein Wissenschafts- und Innovationssystem durch die OECD begutachten lassen (OECD (2011): Russian Federation: Reviews of Innovation Policy). Innerhalb des OECD Economic Surveys 2013 erfolgte eine weitere Begutachtung, die sich auch auf das Bildungssystem erstreckte. Die Ergebnisse wurden unter anderem in dem OECD-Working Paper (2015) Boosting Productivity in Russia: Skills, Education and Innovation veröffentlicht. Demnach sind die Bildungsergebnisse im Hinblick auf formale Abschlüsse zwar gut, das russische Bildungssystem könne jedoch nicht ausreichend Kompetenzen für den Arbeitsmarkt vermitteln. In Bezug auf Forschung und Entwicklung (FuE) wird kritisiert, dass die Aktivitäten des Privatsektors sehr gering sind und dass sich die staatliche russische Förderung vor allem auf große Unternehmen, Großprojekte und Hochtechnologie konzentriert. Empfohlen wird, dass die russische Regierung die Reform des öffentlichen FuE-Sektors weiter vorantreibt, insbesondere im Hinblick auf einen größeren Stellenwert der wettbewerblichen Förderung.

Die praktische Umsetzung der Maßnahmen für eine verbesserte FuE-Kooperation zwischen Unternehmen, Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wurde in einer Reihe von Studien, teilweise im staatlichen Auftrag, untersucht. Die Wirksamkeit der Maßnahmen wird dabei häufig eher skeptisch beurteilt (siehe I.G. Dezhina (2014): Technology platforms in Russia: a catalyst for connecting government, science, and business?, In: Triple Helix, December 2014 sowie O. Bychkova et. al. (2015): Dirty dances: academia-industry relations in Russia. In: Triple Helix, December 2015, zuletzt Vlasova, V. (2019): Firms’ Perspectives on Innovation Policy Measures, WP BRP 99/STI/2019, S. 11).

Die russische Exzellenzinitiative hat eine erste Evaluierung ihrer Ergebnisse im Hinblick auf die Forschungsleistungen der geförderten Hochschulen in Auftrag gegeben. Dabei zeigt sich, dass es bei der Anzahl und auch teilweise der Qualität der wissenschaftlichen Publikationen deutliche Verbesserungen gab (siehe Matveeva, N. et al. (2019): The Russian University Excellence Initiative: Is it really excellence that is promoted? WP BRP49/EDU/2019).

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