Überblick

Die Verteilung der Publikationen auf Fachgebiete kann erste Hinweise auf Stärken eines Forschungssystems geben (Bezugsjahr 2014, Quelle: SCImago (2007). SJR – SCImago Journal & Country Rank. Retrieved July 15, 2015, from http://www.scimagojr.com). Das fachliche Profil Russlands entspricht nach wie vor dem klassischen osteuropäischen Profil mit sehr starker Physik und Astronomie sowie relativ schwacher Medizin. An erster Stelle liegen Physik und Astronomie mit den höchsten Publikationsanteilen (19,6 Prozent, Welt: 6,7 Prozent, Deutschland: 9,2 Prozent), dann folgen Ingenieurwissenschaften (12,3 Prozent) und Materialwissenschaften (11 Prozent). Die Medizin, die weltweit mit den höchsten Publikationszahlen an erster Stelle liegt (Welt sowie Deutschland: etwa 17,5 Prozent), ist in Russland mit einem Anteil von lediglich 4,6 Prozent von untergeordneter Bedeutung. Zwar hat der Anteil der Medizin etwas zugenommen, während der Anteil von Physik und Astronomie in den letzten zwei Jahrzehnten auch in Russland leicht zurückgegangen ist. Im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern handelt es sich jedoch in Russland nur um geringfügige Verschiebungen.

Eine Spezialisierung Russlands ist in folgenden Fachgebieten festzustellen (Auswahl basierend auf Spezialisierungsindex Länderanteil/Weltanteil  1,3):

  • Physik und Astronomie (19,6 Prozent, Welt: 6,7 Prozent, Deutschland: 9,2 Prozent)
  • Materialwissenschaften (11 Prozent, Welt: 5,9 Prozent, Deutschland: 6,2 Prozent)
  • Chemie (8,6 Prozent, Welt: 5,2 Prozent, Deutschland: 5,7 Prozent)
  • Mathematik (6,7 Prozent, Welt: 3,8 Prozent und Deutschland: 4,5 Prozent)
  • Erd- und Planetare Wissenschaften (5,6 Prozent, Welt: 2,6 Prozent, Deutschland: 3,6 Prozent).

Bei einem weltweiten Vergleich der Anzahl der Publikationen liegt Russland im Jahr 2014 insgesamt auf Rang 15. Innerhalb der einzelnen Fachgebiete erreicht Russland die beste Platzierung in Physik und Astronomie (Rang 7), den Materialwissenschaften sowie den Erd- und Planetaren Wissenschaften (jeweils Rang 9).

Unverändert gilt seit dem Erlass Nr. 899 vom 07.07.2011 von Präsident Medwedew folgende Prioritätsrichtung der Wissenschaft und Technologie in Russland:

  • Industrie der Nanosysteme
  • IKT, Lebenswissenschaften,
  • Rationelle Naturnutzung,
  • Transport- und Raumfahrtsysteme,
  • Energieeffizienz, Energieeinsparung und Kernenergie,  
  • Sicherheit, Bewaffnung, Militär- und Spezialtechnik.

Die Stärkung der Bereiche erfolgt über verschiedene sogenannte Föderale Zielprogramme der russischen Regierung, die in unterschiedlichen Ministerien umgesetzt werden. Häufig adressieren gleich mehrere solcher Zielprogramme einen Prioritätsbereich. Der Entwicklung der Nanoindustrie ist ein eigenes Zielprogramm gewidmet. Im Folgenden werden ausgewählte Bereiche genauer erläutert.

Energie

Das russische Energieministerium überreichte am 15. April 2012 dem damaligen Ministerpräsidenten Medvedev einen Entwurf für ein neues Erneuerbare-Energien-Gesetz. Dieser sieht finanzielle Unterstützung für Investoren in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar vor, um den Ausbau von Erneuerbare-Energien-Projekten weiter voranzutreiben.

Der neue Gesetzesentwurf ist Teil des bereits im November 2010 verabschiedeten Regierungsprogramms "Energy Efficiency and Energy Development in Russia 2013-2020". Die russische Regierung strebt durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien eine Reduktion ihrer Abhängigkeit von Erdöl und –gas an. Derzeit trägt die Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien nur ein Prozent zur russischen Stromversorgung bei. Nach dem neuen Gesetzesentwurf sollen sie bis zum Jahr 2020 mit 2,5 Prozent zur nationalen Stromerzeugung beitragen.

Weitere Informationen unter http://www.e-apbe.ru/en/news/index.php?ELEMENT_ID=206086

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Gesundheitsforschung

Die Förderung der medizinischen Versorgung in der Russischen Föderation gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Regierung legte 2010 ein mit mehreren Milliarden Rubel ausgestattetes Programm zur Förderung öffentlicher Gesundheitseinrichtungen und Investitionen in den Krankenhausausbau auf. Die steigende Bedeutung der Investitionen im Bereich des Gesundheitswesen lässt sich z. B. auch am steigenden Marktvolumen in Russland für Medizintechnik festmachen, welches um 36% von ca. 3 Milliarden Euro in 2010 auf ca. 5 Milliarden Euro in 2012 gestiegen ist. Eine große Herausforderung für das russische Gesundheitswesen besteht u. a. darin, dass die meisten medizinischen Geräte importiert werden müssen. Gleiches gilt auch für den Pharmabereich. Zur Verbesserung der Situation in der Gesundheitsforschung sind verschiedene Föderalen Zielprogrammen bis 2020 erlassen worden (z. B. Pharma 2020 – Modernisierung der russischen Pharmaindustrie und der Medizintechnik).

Biotechnologie und Bioökonomie

Die Forschung und Entwicklung im Bereich Biotechnologie hatte zu Zeiten der Sowjetunion eine hohe wissenschaftliche Reputation, die nach dem Zerfall der Sowjetunion stark gelitten hat. Unter Präsident Medwedew setzte die Russische Föderation neue Akzente für die Bedeutung der Biotechnologie. Im Rahmen der Föderalen Zielprogramme wurden drei Technologieplattformen gegründet, die sich nachhaltig mit den Themen Medizin in der Zukunft, Bioindustrie und Bioressourcen (BioTech 2030) und Bioenergie beschäftigen. Im April 2012 wurde ein staatliches Koordinierungsprogramm zur Entwicklung der Biotechnologie verabschiedet in dessen Durchführung 7 Ministerien, 2 Föderalen Agenturen, verschiedenen Akademien der Wissenschaften, die .o. g. Technologieplattformen und andere Einrichtungen involviert sind. Ziel ist es u .a die Herstellung auf biotechnologiebasierender Produkte von 1% am Bruttosozialprodukt in 2020 bis auf 3 % in 2030 zu steigern. Die Wichtigkeit der Bioökonomie wird auch zunehmend auf russischer Seite betont und spielt insbesondere bei der Technologieplattform Bioindustrie und Bioresourcen eine hervorgehobene Rolle.

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Information und Kommunikation

In seiner Amtsansprache am 12. November 2009 hat der damalige russische Präsident Medvedev die Entwicklung im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien als eine der Prioritäten der Russischen Regierung genannt. Das russische Föderale Zielprogramm "Forschung und Ausarbeitung für Prioritätsrichtungen der Entwicklung des wissenschaftlichen und technischen Komplexes Russlands (2007-2013)" definiert die hohe Bedeutung der IKT als Innovationsmotor. 

International baut Russland aktuell vorhandene Kooperationen aus. Wie 2011 bekannt wurde, wird Russland superschnelle Kommunikationstechnik im Wert von mehr als 100 Millionen Euro für den experimentellen Fusionsreaktor (ITER) im französischen Cadaracheinvestieren. An dem Projekt beteiligen sich außerdem China, die EU, Indien, Japan, die Schweiz, Südkorea und die USA. Die Partner wollen einen ersten Versuch unternehmen, einen Fusionsreaktor für die Stromerzeugung zu bauen.

Russischer Investitionsfonds der Informations- und Kommunikationstechnologien 

Dieser im Jahr 2006 gegründete Fonds wird vom Ministerium für Informationstechnologien und Fernmeldewesen der Russischen Föderation koordiniert. Seine Aufgabe ist die Förderung von Projekten im Bereich IKT.

Weitere Informationen unter http://www.rosinfocominvest.ru/ (auf Russisch)

Supercomputer Initiative

In den letzten Jahren wurden in Russland leistungsfähige Supercomputer an der Akademie der Wissenschaften, den Kernforschungszentren von ROSATOM (www.rosatom.ru), der Lomonossow-Universität (MGU) und im Nationalen Forschungszentrum "Kurschatow-Institut" (NFZ KI)  eingerichtet. Insgesamt sind 47 Supercomputer vorhanden, womit Russland derzeit Platz 15 in der Rankingliste weltweit annimmt.

IKT-Außenhandel

Als Exporteur ist Russland auf einer Höhe mit den anderen BRIC-Staaten. Russische Softwareunternehmen sind in den internationalen Rankinglisten stabil hoch eingestuft. Etwa 10 Firmen sind weltweit führend in diesem Bereich wie z.B. Auriga, DataArt, ERAP Systems, Luxoft, Mega Networks. Nach wie vor bleibt Russland die stärkste Software-Großmacht in Osteuropa, die jährlich Softwareprodukte im Volumen von 2,5 Mrd. US-Dollar (etwa 1,8 Mrd. Euro) exportiert.

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Mobilität und Raumfahrt

Mit dem Zerfall der Sowjetunion erlebte die Raumfahrtforschung in Russland einen deutlichen Niedergang. Viele Fachkräfte gingen seither an das Ausland verloren. Doch aktuell stellt sich die Raumfahrtforschung in Russland neu auf. Das Raumfahrtprogramm bis 2020 wurde von der russischen Regierung im Frühjahr 2008 genehmigt. Die Schwerpunkte des Programms sind:

  • Verstärkte Investitionen und föderale Priorität für die weitere Entwicklung des russischen Satelliten-Navigationssystems "Glonass", welches in Konkurrenz zum US-amerikanischen System GPS und dem europäischen GALILEO steht.
  • Bau des neuen Weltraumbahnhofs (Kosmodrom) "Wostochny" im fernöstlichen Gebiet Amur. Der erste unbemannte Start von Wostochny ist für 2015 geplant, der erste bemannte Flug für 2018.
  • Vervollständigung und Modernisierung des RUS-Satellitenparks durch neue Nachrichten-, Navigations-, Wetter- und Erdbeobachtungssatelliten.
  • Inbetriebnahme der neuen russischen Weltraumraketenfamilie "Angara I, III, V", die im Chrunitschew-Raumfahrtzentrum entwickelt werden. Es handelt sich dabei um einen breiten, universell einsetzbaren Trägerkomplex, der Nutzlasten von 3,5 bis 24,5 Tonnen in den Weltraum transportieren kann. Es sind drei Klassen von Raketen (Launcher-Familie) geplant, die aus ähnlichen Modulen bestehen werden und die von ein und derselben Startanlage gestartet werden können. Der Bau der Startanlage in Plessezk ist in der Schlussphase.
  • Konzentration und Umstrukturierung der russischen Raumfahrtindustrie zum Zweck der Steigerung ihrer internationalen Konkurrenzfähigkeit.
  • Beteiligung an Nutzung und Betrieb der internationalen Raumstation (ISS) spätestens bis zum Jahr 2020.
  • Erforschung des Mars (Manned Mars Mission).

Die Ausgaben des föderalen Haushaltes für Raumfahrt werden von 32,9 Mrd. RUB (0,74 Mrd. Euro) in 2013 voraussichtlich auf 47,5 Mrd. RUB (1,07 Mrd. Euro) im Jahre 2015 steigen.

Föderale Raumfahrtagentur ROSKOSMOS

Die Agentur wurde 1992 gegründet und ist für das zivile Raumfahrtprogramm des Landes zuständig. Sie ist zu einer wichtigen Institution geworden und hat indirekt Einfluss auf die Formulierung der russischen Industrie- und Investitionspolitik.

Weitere Informationen unter http://www.roscosmos.ru

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Physikalische und chemische Technologien

Nanotechnologie

Nanotechnologie und –materialien gehören zu den durch die russische Regierung und das Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MON) definierten prioritären FuE-Bereichen. Das MON hat Anfang Januar 2008 ein Programm zur Entwicklung der Nanotechnologie und –industrie bis zum Jahr 2015 vorgestellt. Es dient der Umsetzung der vom Präsidenten angekündigten Strategie zur "Entwicklung der Nanotechnologie in Forschung und Industrie": Innerhalb von 7 Jahren soll die russische Nanoindustrie ihren Umsatz auf das 130fache auf 26 Mrd. € steigern. Für den Zeitraum von 2008-2015 stellt die russische Regierung Fördermittel in Höhe von 6,5 Mrd. € zur Verfügung. 
Die folgenden Einrichtungen sind in die Durchführung des Programms einbezogen:

  • Der Staatsrat für den Bereich der Nanotechnologie ist zuständig für die Entwicklungsstrategie und politische Entscheidungen,
  • das Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MON) ist für die Durchführung der föderalen Zielprogramme verantwortlich,
  • die Russische Akademie der Wissenschaften, welche für die Grundlagenforschung im Nanobereich zuständig ist und dafür eine spezielle Abteilung eingerichtet hat,
  • das Kurtschatow-Institut, das als nationales Laboratorium die wissenschaftliche Koordination des Nanoprogramms übernommen hat,
  • die staatliche Aktiengesellschaft Rusnano (russ: ROSNANO), welche die für die Vermarktung der wissenschaftlichen Erkenntnisse im Nanobereich nötigen Gelder sowie das für erfolgversprechende Ausgründungen nötige Risikokapital zur Verfügung stellt, sowie
  • das Advisory Board (Aufsichtsrat für die Entwicklung der Nanoindustrie) und der Wissenschaftlich-Technische Rat.

Die Fördermittel (Gesamthöhe ca. 3 Mrd. Euro) des bereits früher ins Leben gerufene föderalen Zielprogramms "FuE in prioritären Entwicklungsbereichen des wissenschaftlich-technischen Komplexes 2007-2013" ist zu etwa 50 % in die Förderung des Nanosektors geflossen.

In 2013 wurden Nanotechnologien über Rusnano und den Russischen Fonds für Infrastruktur- und Bildungsprogramme mit rund 713 Mio. Euro gefördert.

Deutsche und russische Initiativen wollen ihre Zusammenarbeit im Bereich Nanotechnologien künftig vertiefen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Deutsch-Russische Institutspartnerschaft "Energierelevante Nanomaterialien" der Universität Ulm und der Lomonossow-Universität Moskau. Dieses erfolgreiche Kooperationsprojekt wurde an das im Januar 2011 gegründete Helmholtz-Institut Ulm für Elektrochemische Energiespeicherung (HIU) angebunden. Im Zusammenhang mit diesem Projekt wurde an der Universität Ulm das "Institute for Advanced Energy Related Nanomaterials" eingerichtet.

Nukleartechnologie

Das "Gesetz über die Strukturierung der zivilen russischen Atomindustrie und der zum Nuklearkomplex gehörenden Institutionen" ist seit Februar 2007 in Kraft. Es dient vorrangig dem Ziel, den eingetretenen Rechtsunsicherheiten im Atombereich entgegenzuwirken und dem gegenwärtigen "Status Quo" des russischen Nuklearkomplexes eine gesetzliche Grundlage zu geben. Zusätzlich soll durch eine Neustrukturierung des russischen Nuklearkomplexes eine Trennung der zivilen Betriebe von den militärischen Einrichtungen herbeigeführt werden. Dazu werden die dem zivilen Bereich zuzuordnenden Unternehmen und Institutionen in einer staatlichen Holding "Atomenergoprom" (http://atomenergoprom.ru/en/) als Aktiengesellschaft zusammengefasst. Hauptaufgaben von Atomenergoprom werden die Anpassung der Unternehmen an die ökonomischen Erfordernisse des Marktes im In- und Ausland sowie der Ausbau der Kernenergie in Russland sein. 

Hinsichtlich des Neubaus von Kernkraftwerken zur Strom- und Wärmeerzeugung sollen in den kommenden Jahren jährlich zwei neue Blocks fertig gestellt werden, nach 2015 bis zu drei Blocks pro Jahr. Das Ziel ist, bis zum Jahr 2030 mit insgesamt 40 Atomkraftwerken 25% des russischen Strombedarfs zu decken. 

Im November 2007 hat die Staatsduma das Gesetz über die Schaffung der "GOSKORPORATIA ROSATOM" (http://www.rosatom.ru/en/) verabschiedet. Danach wurde die frühere Agentur "RosAtom" in eine staatliche Holding (Goskoperatia) "ROSATOM" umgewandelt, die von einem Aufsichtsrat überwacht wird. Dieser setzt sich aus jeweils vier Vertretern des Präsidenten, vier Vertretern der Regierung und einem Vorsitzenden zusammen. Unter dem Dach von "ROSATOM" wird u.a. die Aktiengesellschaft Atomenergoprom geführt.

Der Zweck dieser Umstrukturierung ist die Schaffung moderner Nuklearanlagen und damit der Aufbau einer leistungs- und konkurrenzfähigen Nuklearindustrie. Russland will damit seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit weiter diversifizieren und mögliche Exportchancen für Nuklearechnologie nutzen.

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