Überblick

Die russische Regierung hat in den letzten Jahren umfassende Reformen des russischen Forschungs- und Bildungssystem in Angriff genommen, um Russland zu einer wissensbasierten und international wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft zu machen. Russland steht hier vor der Herausforderung, einen sehr stark zersplitterten öffentlichen FuE-Sektor mit teilweise überaltertem Personal zu reformieren.

Durch eine Umstrukturierung des öffentlichen FuE-Sektors und Bündelung der Ressourcen soll der starken Zersplitterung des russischen Forschungssystems entgegen gewirkt werden. Gleichzeitig soll der Bereich Forschung und Wissenschaft wieder attraktiver für den wissenschaftlichen Nachwuchs gemacht werden.

Ein Schritt um die Abwanderung von Wissenschaftlern aufzuhalten ist z.B. die Gründung eines modernen Zentrums für Forschung und Entwicklung in Skolkowo (Rajon Odinsowo, Moskauer Gebiet), das sich zu einem Innovations- und Technologiecluster nach dem Vorbild des Silicon Valley entwickeln soll. In Skolkowo sollen 30.000 bis 40.000 Wissenschaftler und Ingenieure an der Entwicklung und Kommerzialisierung von neuen Technologien mitwirken.

Im Zentrum dieser Iitiative stehen die Technologiebereiche Energie, Informationstechnologien, Telekommunikation, Biomedizinische Technologien und Atomtechnologien. Das neue Innovationszentrum soll nach russischen Vorstellungen zu einem Prototyp für eine Stadt der Zukunft werden. Führende Universitäten und Unternehmen Russlands und anderer Länder sollen dort Zweigstellen und Labors aufbauen. Die Stadt wird von der Skolkovo Foundation verwaltet, dessen Präsident W. Wechselberg ist. Auch ausländische Investoren sollen sich an diesem Fonds beteiligen. Dem Ziel, den brain drain aus Russland Einhalt zu gebieten, sollen auch die jüngsten Initiativen der russischen Regierung auf dem Gebiet von Großforschungsprojekten dienen. Bisher wurden vom russischen Bildungs- und Forschungsministerium (MON) die folgenden sechs Großforschungsprojekte vorgeschlagen, die in einem Zeitraum von fünf bis acht Jahren realisiert werden sollen:

  • Tokamak "Ignitor" (Gebiet Moskau)
  • High Steam Research Reactor, PIK (Gatchina, Gebiet Leningrad)
  • Spatial Synchrotron Radiation Source of the 4th Generation SSRS-4 (Gatchina, Gebiet Leningrad)
  • Complex of Superconducting Rings of Heavy Ions Collider, NICA (Dubna, Gebiet Moskau)
  • International Research Centre for Extreme Light Fields, RCEL (Nischnij Novgorod)
  • New Electron-Positron Collider (Novosibirsk)

Die russische Regierung investiert in diese Projekte etwa 3,3 Mrd. Euro. 

Einhergehend mit einem verstärkten finanziellen Engagement für heimische Forschung hat sich die russische Regierung in den letzten Jahren zur Beteiligung an Bau und Betrieb mehrerer internationaler Großforschungsanlagen außerhalb Russlands entschieden. Die russischen Beiträge, die in Form von lieferbaren Geräten oder finanziellen Mitteln zur Durchführung von Experimenten an diesen Großforschungsanlagen bereit gestellt werden sollen, haben mit jeweils mehreren hundert Mio. Euro eine beachtliche Größenordnung erreicht. Diese Entwicklung unterstreicht deutlich das große Potenzial Russlands als zukünftiger starker Partner für die internationale Kooperation. So arbeiten russische Wissenschaftler am Europäischen XFEL (Freier-Elektronen-Laser im harten Röntgenbereich) am Hamburger DESY mit internationalen Institutionen zusammen. Der Baubeginn erfolgte Anfang 2009, die Inbetriebnahme ist für 2015 geplant. Außerdem beteiligt sich Russland an dem Aufbau der einzigartigen internationalen Beschleuniger-Anlage zur Forschung mit Antiprotonen und Ionen FAIR. Der größte Anteil des hierzu benötigten Budgets wird von der deutschen Bundesregierung und dem Land Hessen aufgebracht. Die restlichen Anteile werden von ca. 50 Partnerländern aus der ganzen Welt finanziert.
Am 23. Juni 2014 wurde ein Protokoll zur Beteiligung Russlands (Protocol of Accession
) an der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) unterzeichnet. ESFR ist eine multinationale Großforschungseinrichtung mit Sitz in Grenoble (Frankreich). Sie betreibt das größte eigens für die Forschung mit Synchrotronstrahlung errichtete Synchrotron in Europa, und weltweit das drittgrößte dieser Art. Das Forschungszentrum "Kurchatov Institute" ist seit Juni offizielles Mitglied von ESRF, wobei eine enge Kooperation bereits in den letzten Jahren aufgebaut wurde. (Weitere Informationen: http://www.esrf.eu/home/news/general/content-news/general/russia-becomes-member-state-of-the-esrf.html)

Während der Präsidentschaft Medwedew hat es sich die russische Regierung zum Ziel gesetzt, Russlands Wirtschaft zukunftsfähiger zu machen. Mit der Modernisierungsstrategie soll die technologische Leistungsfähigkeit der russischen Wirtschaft vorangetrieben werden. Hierbei stehen Bildung, Forschung und Innovation im besonderen Fokus. Diese Tendenz wurde mit der im Dezember 2011 verabschiedeten Strategie "Innovatives Russland 2020" fortgesetzt.

Bildungspolitische Ziele

Das Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MON) hat in den letzten Jahren die Durchführung folgender Reformschritte als prioritär gesehen:

  • Reform des Vorschul- und Schulsystems (unter besonderer Berücksichtigung der ländlichen Regionen)
  • Einführung eines einheitlichen Abiturs als Hochschulzugangsberechtigung
  • Umstellung des bisherigen fünfjährigen Diplomstudiums auf Bachelor-/ Masterstudiengänge im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses
  • Verbesserung der Fremdsprachenkompetenz bei Lehrenden und Lernenden
  • Reduzierung der Zahl der Universitäten, Hochschulen und deren Filialen
  • Schaffung neuer Hochschultypen wie z. B. Föderale Universitäten, Nationale Forschungsuniversitäten und Führende Universitäten mit Schwerpunkt im Bereich der MINT-Fächern 
  • Integration und Reformierung der gesamten Berufsbildung vor dem Hintergrund der Anforderungen des gegenwärtigen Arbeitsmarktes
  • Reorganisation der Akademie der Wissenschaften (insbesondere im Hinblick auf die Umstrukturierung der staatlichen Finanzierung, die Neukonzeption des Verhältnisses zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung sowie die stärkere Einbeziehung in die Ausbildungs- und Forschungsaufgaben der Universitäten und Hochschulen)

Gleich am Tag des Amtsantritts von Präsident Putin am 07.05.2012 hat er den Erlass "Über Maßnahmen zur Umsetzung der staatlichen Politik in den Bereichen der Bildung und Wissenschaft" unterzeichnet. Folgende konkrete Ziele wurden im Erlass im Bildungsbereich festgelegt:

  • 2016 soll für alle Kinder im Alter von 3 bis 7 Jahre die vorschulische Bildung zugänglich sein.
  • Bis 2020 sollen mindestens 5 russische führende Hochschulen zu den 100 besten Universitäten der Welt gehören (internationale Rankinglisten).

Weitere Zielsetzungen betreffen die Chancengleichheit für Behinderte im Bildungssystem sowie die Beschäftigung von qualifizierten Akademikern in der Wirtschaft.

Eines der bedeutendsten Ereignisse 2012 war die Verabschiedung eines neuen föderalen Bildungsgesetzes am 29.12.2012, das die beiden in den 90-er Jahren entwickelten föderalen Gesetze "Über Bildung" und "Über Hochschul- und Weiterbildung" ersetzt. Das Bildungssystem soll insgesamt durchlässiger gestaltet werden.

Die Regierung der Russischen Föderation hat außerdem eine Liste der ausländischen Hochschulen, deren Studienabschlüsse bzw. akademische Grade automatisch in der Russischen Föderation anerkannt werden, verabschiedet und erweitert. Insgesamt finden sich 17 deutsche Hochschulen in der Liste. Nach den USA (70), Großbritannien (30) stellt Deutschland somit das drittstärkste Kontingent.

Im Frühjahr 2014 fand die zweite Evaluationsrunde der russischen Hochschulen statt. An der Evaluierung nahmen 968 staatliche, kommunale, regionale und private Hochschulen und 1356 Filialen teil. Während der Evaluation wurden Ausbildungs- und Forschungstätigkeit, Internationalisierung und finanzwirtschaftliche Aspekte der Hochschulen bewertet; aber auch Infrastruktur und Berufsbeschäftigung von Absolventen nach dem Studienabschluss wurden zu Kriterien der Evaluation.

Das MON beabsichtigt derzeit eine Reform der pädagogischen Ausbildung in Russland. Die Studiendauer soll von 5-6 auf 4 Jahre reduziert werden. Theoretische Studienabschnitte sollen durch praktische Arbeit in der Schule ersetzt werden. Somit soll der Beruf des Lehrers für Abiturienten attraktiver und das Studium praxisorientierter werden. Die Reform wird von 2014 bis 2017 in zwei Etappen erfolgen. 2014-2015 starten Pilotprojekte an 17-25 Hochschulen mit neuen Programmen. 2016-2017 soll sich das Programm auf das ganze pädagogische System ausweiten.

Föderale Zielprogramme im Bereich Bildung: http://fcp.economy.gov.ru/cgi-bin/cis/fcp.cgi/Fcp/FcpList/View/2012/24/ 

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Forschungspolitische Ziele

Die wichtigsten forschungspolitischen Zielsetzungen der russischen Regierung können aus den Föderalen Zielprogrammen abgeleitet werden:

  • Verbesserung des wissenschaftlich-technologischen Potenzials Russlands
  • Institutionelle Umstrukturierung der russischen Forschungslandschaft zur Erhöhung der Effizienz und des wissenschaftlichen Outputs (Konzentration und Defragmentierung)
  • Definition nationaler Forschungsprioritäten, die in nationalen Zielprogrammen umgesetzt werden
  • Verbesserung der Rahmenbedingungen für FuE- und Innovationsaktivitäten privater Unternehmen, insbesondere auch Stärkung von Public-Private-Partnerships
  • Ausbau von FuE-Aktivitäten an Universitäten
  • Steigerung der Attraktivität des wissenschaftlichen Sektors für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

In Russland gewinnt die Internationalisierung von Bildung und Wissenschaft immer mehr an Bedeutung. Zu den wichtigsten Bewertungskriterien der Effizienz russischer Hochschulen gehören internationale Beziehungen und Partnerschaften mit ausländischen Wissenschafts-organisationen. Erklärtes Ziel der russischen Regierung ist es darüber hinaus die Abwanderung russischer Wissenschaftler ins Ausland einzudämmen und umgekehrt die Zahl ausländischer Wissenschaftler an russischen Hochschulen und Forschungszentren zu steigern.

Im Zuge der Modernisierung an den Hochschulen wird die Frage der Rückgewinnung emigrierter russischer Wissenschaftler erneut und intensiv diskutiert. Der größere Teil ist in den 1990er Jahren in die Wirtschaft abgewandert, ein kleinerer, für Russland besonders bedeutender, ins Ausland. Bereits im Sommer 2008 wurden mit einem Föderalen Zielprogramm ("Kadry") für wissenschaftliches Personal erste Maßnahmen eingeleitet, russische Wissenschaftler im Ausland nach Russland zurückzuholen. Im Juni 2010 schrieb das russische Ministerium für Bildung und Wissenschaft (MON) zum ersten Mal einen Förderwettbewerb zur Gewinnung von internationalen Spitzenforschern an russischen Hochschulen aus.

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Innovationspolitische Ziele

2011-2012 wurde die strategische Basis in Bildung und Forschung in Russland erneuert. In der im Dezember 2011 vom russischen Kabinett verabschiedeten Strategie "Innovatives Russland 2020" (Federführung: Russisches Wirtschaftsministerium) werden langfristige Orientierungen im Innovationsbereich, in der Grundlagen- und angewandten Forschung sowie der Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen festgelegt. Die Strategie wird in zwei Phasen umgesetzt:

  • 2011-2013 Erhöhung der Innovationsfähigkeit der Wirtschaft;
  • 2014-2020 breite Neuaufrüstung und Modernisierung der Industrie, Schaffung eines arbeitsfähigen nationalen Innovationssystems.

Für die Umsetzung der Strategie sind für die kommenden acht Jahre ca. 330 Mrd. Euro (15,6 Billionen RUB) eingeplant Details zu den einzelnen Initiativen und Progammen werden im folgenden Kapitel dargestellt.

 

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