StartseiteLänderEuropaRusslandZusammenfassungÜberblick zur Bildungs-, Forschungs- und Innovationslandschaft und -politik

Überblick zur Bildungs-, Forschungs- und Innovationslandschaft und -politik: Russland

Im Folgenden wird auf die Russische Föderation unter der Bezeichnung Russland Bezug genommen.

Die Implementierung der Bildungspolitik findet vor dem Hintergrund einer demografischen Krise in Russland statt, die u.a. durch eine geringe Lebenserwartung insbesondere bei Männern sowie einen drastischen Rückgang der Geburtenzahlen in den neunziger Jahre hervorgerufen wurde und auch durch einen hohen Zuzug ethnischer Russen aus den übrigen Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion nur abgemildert werden konnte. In einem Zeitraum von etwa zehn Jahren bis zur Mitte der Nuller Jahre reduzierte sich die Bevölkerung auf dem russischen Staatsgebiet jedes Jahr um etwa 700.000 Personen. Seitdem hat sich die Situation stabilisiert, da die Sterblichkeit zurück ging und sich die Geburtenrate im Zeitraum 2009-13 verbesserte (siehe Bevölkerungspyramide CIA Factbook-Russland 2018). Jüngste pessimistische Prognosen der Vereinten Nationen („World Population Prospects 2019“) halten jedoch bis 2050 einen Bevölkerungsrückgang von derzeit noch über 140 Mio. auf 124,8 Mio. für möglich. Deutlich fühlbar ist der bisherige Rückgang bei der Anzahl der Schülerinnen und Schülern sowie bei der Anzahl der Studierenden seit 2008 (siehe E. Potapova und S. Trines (2017): Education in the Russian Federation).

Zwischen 2004 und 2018 gab es in Russland ein Ministerium mit einer umfassenden Zuständigkeit für alle Bildungssektoren sowie für die Wissenschaft. Nach den Präsidentschaftswahlen im Mai 2018 wurden zwei neue Ministerien geschaffen: das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung (Ministry of Science and Higher Education, MSHE) und ein Bildungsministerium, das für frühkindliche und schulische Bildung sowie berufliche Aus- und Weiterbildung zuständig ist. Die Berufsausbildung nimmt insgesamt eher eine untergeordnete Rolle in Russland ein, da sie traditionell an hochschulähnlichen Einrichtungen stattfindet und daher die Immatrikulationsquoten in tertiären Einrichtungen in Russland bei über 80 Prozent liegen. Ab 2013 hat die russische Regierung einen Reformprozess in Gang gesetzt, der im System der mittleren Berufsausbildung die Einführung eines praxisorientierten (dualen) Ausbildungsmodells bis 2020 vorsieht.

Der Staat nutzt den Rückgang der Studierendenzahlen, um die russische Hochschullandschaft weiter zu reformieren, Hochschulen zusammenzulegen und so auch die traditionell monodisziplinäre Ausrichtung vieler Einrichtungen zu überwinden. Circa 60 Prozent der Hochschulen und Universitäten sind direkt dem Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung unterstellt, circa 40 Prozent sogenannten „Branchenministerien“; zum Beispiel unterstehen medizinische Einrichtungen dem Gesundheitsministerium, die Transport- und Verkehrshochschulen dem Verkehrsministerium.

Gleichzeitig soll die Fokussierung auf die Lehre überwunden werden. Der russische Staat konzentriert sich dabei darauf, ausgewählte Exzellenzhochschulen gezielt zu fördern, damit sie sich stärker in Forschung und Innovation engagieren. Ziel ist es, bis 2020 5 russische Hochschulen in den Top 100 internationaler Hochschulrankings zu platzieren („5Top100-Initiative“).

Mit Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) in Höhe von 40,1 Milliarden USD (kaufkraftbereinigt, Bezugsjahr 2018) belegte Russland im weltweiten Vergleich Rang 10 knapp hinter Brasilien und vor Italien (UNESCO eAtlas of Research and Experimental Development, Gesamtausgaben für FuE). Nach Angaben der OECD würde Russland mit 41,5 Milliarden USD (2018) allerdings knapp vor Brasilien liegen (siehe FuE-Indikatoren). Die FuE-Intensität, das heißt der Anteil der gesamten FuE-Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP), stagniert seit mehr als einem Jahrzehnt bei 1 bis 1,2 Prozent und liegt damit deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 2,4 Prozent. In Bezug auf die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen nahm Russland 2019 weltweit Rang 10 ein, dabei hat das Land seine Platzierung seit 2014 (damals Rang 15) stetig verbessert (Quelle: SCImago. SJR — SCImago Journal & Country Rank. Retrieved June 11, 2020, from www.scimagojr.com).

Das russische Wissenschaftssystem war nach der Auflösung der Sowjetunion in eine schwere Krise geraten, gekennzeichnet durch sinkende Budgets, Abwanderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und eine zunehmende Überalterung des in Russland verbliebenen Wissenschaftspersonals. Erst ab dem Jahr 2008 legte die Politik wieder einen Schwerpunkt auf FuE und setzte eine Reihe grundlegender Reformen durch.

In der Folge verlor die traditionsreiche Russische Akademie der Wissenschaften (RAW), die nach wie vor der wichtigste Ort für die Durchführung von Grundlagenforschung in Russland ist, Ende 2013 ihre Selbständigkeit. Sie wurde mit zwei anderen großen Akademien, die im Bereich Medizin und Agrarwissenschaften tätig waren, zusammengelegt. Nachdem die fusionierte Akademie zwischenzeitlich von einer Agentur („Föderale Agentur für Wissenschaftsorganisationen, FANO) administriert wurde, ist sie seit Mai 2018 direkt dem neuen Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung (MSHE) unterstellt. Aktuell bemüht sich die Regierung im Rahmen von Evaluierungsprozessen, die Anzahl der Institute zu reduzieren, was auf heftige Gegenwehr der betroffenen Einrichtungen trifft.

Neben der RAW besteht eine weitere Erbschaft aus Sowjetzeiten in einer Reihe von Forschungsinstituten, die industrienahe angewandte Forschung durchführen. Diese Institute, die oft selbst den Status (halb-)öffentlicher Unternehmen haben, erhalten nur eine beschränkte staatliche Förderung und müssen Forschungsaufträge einwerben, wobei ihre Kunden vor allem Staatsunternehmen, häufig aus dem militärisch-industriellen Komplex des Landes, sind.

Angewandte FuE fördert das Ministerium für Wissenschaft und Hochschulbildung (MSHE), für die Förderung von Grundlagenforschung sind der 1992 gegründete Russische Fonds für Grundlagenforschung (RFBR) und der 2013 gegründete Russische Wissenschaftsfonds (RSF) zuständig. Für die Unterstützung des Privatsektors wurde bereits im Jahr 1994 der Fonds für kleine innovative Unternehmen (FASIE, Internetauftritt in Russisch) gegründet.

Regionale Schwerpunkte von FuE liegen in den – auch in allen anderen Aspekten in Russland dominierenden – Großräumen Moskau und Sankt Petersburg (siehe Porträt der Hightech-Region Sankt Petersburg). Außerdem setzt Russland die Ansiedelung und den Erhalt von Forschungseinrichtungen in peripheren und einkommensschwachen Regionen gezielt als strukturpolitisches Instrument ein.

Im Rahmen verschiedener Projekte bemüht sich der russische Staat seit mehreren Jahren, Formate des öffentlich-privaten Wissenstransfers zu entwickeln, die an westliche Vorbilder angelehnt sind. Das sogenannte Skolkowo-Projekt war dabei als Leuchtturmprojekt angelegt, mit dessen Hilfe in der Nähe von Moskau ein russisches Silicon Valley entstehen sollte (siehe Porträt der Hightech-Region Skolkowo-Selenograd). 

Fachliche Schwerpunkte in Russland liegen nach wie vor in der Grundlagenforschung, darunter vor allem Physik und Materialwissenschaften. Die wohl bekannteste russische Forschungseinrichtung, das Nationale Forschungszentrum Kurtschatow (NRCKI), nimmt hier eine herausragende Rolle ein.

Der russische Präsident Putin hat unmittelbar nach seiner Wiederwahl im Mai 2018 ein Dekret unterzeichnet, das eine Reihe konkreter Zielsetzungen für das Jahr 2024 aufstellt. Im Dezember 2018 wurden eine Reihe „Nationaler Projekte“ mit einer Laufzeit von 2019-2024 verkündet, darunter das Nationale Projekt Bildung („National Project Education“) sowie das Nationale Projekt Wissenschaft („National Project Science“). Mit Mitteln von 625 Milliarden Rubel unterlegt, wird das Nationale Projekt Wissenschaft in drei Unterprojekte unterteilt: Erstens sollen unter dem Wissenschafts-Industrie-Kooperations-Projekt Wissenschaftszentren von Weltklasse (u.a. internationale Zentren für Mathematik und Genomforschung) sowie 15 Wissenschafts- und Bildungscluster (Science and Ecuation Clusters, SECs) aufgebaut werden. Das Infrastruktur-Projekt sieht vor, ein Netzwerk von einzigartigen Großforschungseinrichtungen aufzubauen, gleichzeitig einen großen Teil der existierenden Forschungsinfrastruktur gezielt zu modernisieren und diese mit ingenieurwissenschaftlichen Zentren zu verbinden. Drittens wird unter dem Humanressourcen-Projekt angestrebt, einen systematischen integrierten Ansatz für die Ausbildung von Fachkräften in Forschung und Lehre zu entwickeln.

Übergreifendes Ziel der Reformen ist es, dass Russland bis 2024 führenden russischen und ausländischen Forschenden sowie dem eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs attraktive und gut ausgestattete Arbeitsplätze bieten kann. Damit soll Abwanderung und Überalterung entgegengewirkt und eine neue Generation aktiver Forschender für den Verbleib in Russland begeistert werden.

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