Kurzprofil

Das auf der japanischen Insel Kyūshū gelegene Kitakyushu ist mit ca. 970.000 Einwohnern (Stand: 2014) die elftgrößte Stadt Japans. Galt die Stadt mit Fukuoka vor 50 Jahren noch als eines der Zentren der japanischen Schwerindustrie, wird sie heute mit ihrer Kitakyushu Eco-Town als Vorzeigemodell nachhaltiger und umweltfreundlicher Wirtschaft gesehen. 2011 ist Kitakyushu als erste japanische Stadt von der OECD zur Modellstadt des OECD Cities and Green Growth Programms prämiert worden.

Kitakyushu gilt als wichtiges Zugangstor zum asiatischen Markt. Zu den Stärkefeldern des Clusters gehören heute Umwelttechnologien, Automobilindustrie und Elektronik- und Halbleiterindustrie.

Internationale Anziehungskraft

Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die Kitakyushu seit Beginn des Strukturwandels erhalten hat, zählen u. a.:

United Nations Environment Programme Global 500 Award (1990)
Earth Summit UN Local Government Honors (1992)
Asian Environmental Award (1995)
Johannesburg Declaration Kitakyushu Initiative (2002)
Earth Summit Sustainable Development Award (August 2002)
Capital of Environmental Synthesis (2006 und 2007)
Japan's Top Eco-City Contest # 1 (2007 und 2008)

2008 wurde Kitakyushu von der japanischen Regierung als "Eco-Model City" ausgezeichnet: Das damit verbundene Ziel lautet, die CO2-Emissionen in Kitakyushu selbst bis 2050 um 50 % zu reduzieren; in ganz Asien sollen durch Technologieexport aus Kitakyushu Emissionen um 150 % gesenkt werden.

2011 wurde die Stadt von der OECD zur Modellstadt für grünes Wachstum (wie zuvor bereits Paris, Chicago und Stockholm) ausgezeichnet; national ist sie darüber hinaus zur japanischen Future City ausgezeichnet worden, um eine Vorreiterrolle im Thema kohlenstoffarme Gesellschaft ("low-carbon society") einzunehmen.

Internationalisierung ist zentrales Element der "grünen" Clusterstrategie Kitakyushus: Im November 2012 wurde mit der indonesischen Stadt Surabaya ein "Green Sister City"-Abkommen geschlossen, das die gemeinsame Förderung von grüner Stadtinfrastruktur (Energie, Abfallentsorgung, Wasserversorgung etc.) zum Ziel hat. Bereits seit 2009 besteht eine ähnliche Vereinbarung mit Haiphong in Vietnam. Mit dem Department of Industrial Works, Thailand schloss Kitakyushu im August 2012 eine gemeinsame Absichtserklärung, um zukünftig enger im Bereich der Umwelttechnologien zusammenzuarbeiten. Auch mit der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) existiert eine Absichtserklärung zu gegenseitigen Kooperationsbeziehungen zur internationalen Förderung der kohlenstoffarmen Gesellschaft.

Kitakyushu bietet Unternehmen eine Vielzahl von steuerlichen Anreizen:

  • Investitionsbeihilfen für angeschaffte Anlagen und Ausrüstung in Höhe von 2% (6% beim Kauf von Anlagen, die im Besitz der Stadt sind)
  • Zuschüsse in Höhe von 3%, wenn die Gesamtinvestitionen (inklusive Grundstückspreis) 500 Mio. JPY übersteigen (250 Mio. JPY für KMUs)
  • Für gemietete Anlagen und Ausrüstung beträgt die Investitionsbeihilfe im ersten Jahr 50%
  • Subventionen in Höhe von 300 Tsd. JPY für jeden Beschäftigten

Zu den zentralen Messen im Cluster-Gebiet zählt die von der West Japan Industry and Trade Convention Association organisierte und seit 1993 stattfindende Eco-Technology Exhibition, auf der neue Umwelttechnologien und –Produkte vorgestellt werden.

2006 wurde der 20km vom Stadtzentrum entfernte neue Flughafen eingeweiht, der sich auf einer künstlichen Insel befindet. Die aufgrund der Küstennähe gegebene Möglichkeit der künstlichen Landgewinnung ist ein weiterer Standortvorteil Kitakyushus.

Auch der Hafen Kitakyushu sorgt für eine gute wirtschaftliche Anbindung der Region innerhalb Japans und Asiens: Im Jahr 2012 betrug das Frachtaufkommen 7,5 Mio. t, zudem ist der Hafen vom japanischen Ministerium für Infrastruktur und Transport zum "Recycling Port" ausgezeichnet worden, um einen umfassenden Rohstoff-Zyklus etablieren zu können.

2011 lag das BIP der Stadt Kitakyushu bei umgerechnet ca. 24 Mrd. USD; damit trägt die Stadt 0,7 % zum Bruttoinlandsprodukt Japans bei.

Kitakyushu ist häufig Ziel internationaler Delegationen, vor allem aus Europa, Asien und Lateinamerika. So besuchten 2013 gleich drei russische Delegationen den Cluster.

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Thematische Stärkefelder

3.1 Geschichte des Clusters

Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg hatte enorme Umweltschäden zur Folge. Ende der sechziger Jahre konnte man "siebenfarbigen" Rauch am Himmel beobachten, die Dokai Bucht wurde aufgrund der starken Verschmutzung "Todessee" genannt und die Einwohner litten an den gesundheitlichen Folgen der Verschmutzungen. Der Widerstand besorgter Bürger legte den Grundstein für die bis heute anhaltende Kooperation zwischen Bürgern, Industrie und Politik, um den Verschmutzungen mit weitreichenden Umweltmaßnahmen zu begegnen.

Die Schwerindustrie wurde von dort an mit erheblichen Auflagen belegt, gleichzeitig wurden neue Wirtschaftszweige wie das Recycling und Umwelttechnologien gezielt gefördert, womit die Abwanderung der "alten" Industrie aufgefangen werden konnte. Der Wandel gelang: Die nationalen Umweltstandards wurden bald wieder erreicht und bereits 1985 konstatierte die OECD in einem Bericht, dass sich Kitakyushu von "einer grauen in eine grüne Stadt" gewandelt habe.

3.2 Struktur des Clusters

Die thematischen Stärkefelder Kitakyushus liegen in der Umwelttechnologie, Automobil- und Halbleiterindustrie; die Bedeutung der Felder Robotik sowie Bio- und Nanotechnologie wächst kontinuierlich. Zentrum der Umwelt- und Recyclingtechnologien sind das Projektgrundstück Kitakyushu Eco-Town sowie der Kitakyushu Science and Research Park. Zu den Anwendungsbereichen gehören Abfallverwertung, Recycling, Detoxifikation und Immissionsschutz.

3.3 Umwelttechnologien

Die Kitakyushu Eco-Town ist ein 38,8 ha großer Ökobezirk in Kitakyushu: Er umfasst 29 Industrieanlagen, 16 Forschungseinrichtungen und eine waste-to-energy-Anlage, in der aus Recyclingabfällen Strom erzeugt wird. Inzwischen werden alle Recyclinganlagen im Ökobezirk durch die WTE-Anlage mit Elektrizität versorgt.In der Eco-Town arbeiten derzeit rund 1.400 Beschäftigte.

Eco-Town gliedert sich in zwei Hauptzentren auf:  Ein Zentrum ist der anwendungsorientierte Forschungsbereich in dem Wirtschaft, Wissenschaft und (kommunale) Politik gemeinsam Forschung und Entwicklung im Bereich Abfallaufbereitung und Recyclingtechnologien betreiben. Zu den Instrumenten zählen Forschungsbeihilfen für anwendungsorientierte Forschung und Inkubation von lokalen Unternehmen. Wesentliche Einrichtungen sind u.a.:

Fukuoka University, Institute for Recycling & Environmental Control Systems
Kitakyushu Institute of Technology, Eco-Town Practical Research Facility
Nippon Steel Engineering Co. Ltd. Kitakyushu Environmental Technology Centre
Practical test site of the Fukuoka Research Centre for Recycling Systems

Insgesamt wurden bereits über 68 Milliarden JPY (Stand: 2012) in den Bereich anwendungsorientierte Forschung investiert, der Anteil der Privatwirtschaft an diesen Investitionen beträgt 72 %.

Das zweite Hauptzentrum der Eco-Town liegt im ca. 19 ha großen Comprehensive Environmental Industrial Complex in der Küstenregion der Stadt. Ziel ist es, einen Kreislauf von Energie und Rohstoffen zu etablieren, indem sich dort die Recyclingindustrie konzentriert.

Kitakyushu Eco-Town war der erste Ort in Japan, an dem die Wiederverwertung von Leuchtstoffröhren betrieben wurde; bei Automobilen hat man mittlerweile eine Recyclingquote von 99 % erreicht. Weitere Daten belegen die Erfolgsbilanz im Recycling:

  • 18 Tsd. t PET-Flaschen werden pro Jahr zur Herstellung von Fasern (fiber) wiederverwertet.
  • 450 t Büroausstattung (Kopierer, Drucker, Computer) werden jeden Monat wiederaufbereitet.
  • Recycling von 18 Tsd. Autos pro Jahr.

Darüber hinaus werden hier Haushaltsgeräte, medizinische Instrumente, Baurestmasse und Nichteisenmetalle wiederverwertet sowie PCB-kontaminierter Boden gereinigt.

Insgesamt konnte das Abfallaufkommen in Kitakyushu von 1997 bis 2005 ca. um ein Viertel reduziert werden.

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Im Cluster sind insgesamt ca. 800 Unternehmen aus dem Bereich Umwelttechnologien registriert, 450 von ihnen sind Mitglied des "Kitakyushu Committee to promote Environmental Industry". Zu den in Kitakyushu hergestellten Produkten zählen u.a. wiederverwertete Leuchtstoffröhren und Tonerpatronen.

Die dritte Säule der Kitakyushu Eco-Town ist die Hibiki Recycling Area: Hier ist es das Ziel, kleine und mittlere Abfallaufbereitungsunternehmen zu unterstützen, um die Recyclingindustrie in der gesamten Region zu fördern. Hibiki teilt sich in zwei Zonen auf: Die "frontier zone" (2,5 ha) und die "automobile recycling zone" (3 ha).

In Kitakyushu wird eine große Menge Müll West-Japans aufbereitet und wiederverwertet: z.B. ca. 50.000 Kraftfahrzeuge aus Fukuoka und Yamaguchi jährlich und 6.600 t Abfälle aus dem medizinischen Bereich aus der Region Hiroshima und Kyushu.

3.3 Automobilindustrie

Kitakyushu und die angrenzenden Regionen haben sich mittlerweile zu einem Zentrum der japanischen Automobilindustrie entwickelt. 2009 betrug die Anzahl der in Kitakyushu produzierten Automobile über 1,5 Millionen. Zu den in Kitakyushu ansässigen Automobilunternehmen zählen Nissan, Toyota, Daihatsu u.a.

Das Car Electronics Centre wurde durch eine Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gegründet und fördert die gemeinsame Forschung und Entwicklung zwischen Autoherstellern und Universitäten – so soll langfristig ein Zentrum der Fahrzeugelektronik-Technologie in Kitakyushu geschaffen werden.

Akteure und Netzwerke

Kitakyushu Eco-Town zeichnet sich durch eine ausgeprägte Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik aus. Die 1997 vom japanischen Umweltministerium und vom Wirtschafts- und Industrieministerium ins Leben gerufene Initiative Eco-Town ist ein Schlüsselinstrument zur Umsetzung des "Basic Law for Establishing a Recycling-Based Society" und zur Revitalisierung der regionalen Wirtschaft nach der Abwanderung der Stahlindustrie ins Ausland. Das Konzept sieht vor, Recycling-Material anderer Branchen nutzbar zu machen, um so die Ressourcenkreisläufe innerhalb der Kitakyushu Eco-Town zu schließen.

In den frühen Neunzigern wurde dann versucht, die Umwelt- und Industriepolitik zu verbinden.  Zur selben Zeit wurden auch die grundlegenden rechtlichen Rahmenbedingungen für die den Bereich Recycling und Abfallwirtschaft in Japan geschaffen. Dazu gehören

  • Recycling Law (1991)
  • Container and Packaging Recycling Law (1995)
  • Electric Household Appliance Recycling Law (1998)

Die Kitakyushu Foundation for the Advancement of Industry, Science and Technology (FAIS) ist eine öffentliche Organisation, der zum einen die Leitung des Kitakyushu Science and Research Parks (KSRP) obliegt und die zudem die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und den Technologietransfer in der Region fördert. Auch die Zusammenarbeit benachbarter Themenfelder und die Identifizierung von Zukunftsbranchen liegen im Fokus der FAIS. Die FAIS gliedert sich in verschiedene Kompetenzzentren, die zum Teil die Stärkefelder Kitakyushus abbilden:

  • Campus Administration Center
  • SME Support Center
  • Collaboration Coordination Center
  • Semiconductor Technology Center
  • Car Electronics Center
  • Robotics Development Support Department

Die Kitakyushu International Techno-Cooperative Association (KITA) wurde 1980 von regionalen Industrieorganisationen und der Stadtverwaltung ins Leben gerufen und fördert die technologische Zusammenarbeit für eine nachhaltige und umweltverträgliche industrielle Entwicklung in Übersee. Mehr als 200 regionale Unternehmen und administrative Einrichtungen sind Mitglied in der KITA. Zu den Aktivitätsfeldern der Organisation gehören:

  • Trainings für ausländische Fachkräfte
  • Entsendung japanischer Experten ins Ausland
  • Beratung
  • Technologieaustausch
  • Forschung und Informationsbeschaffung
  • Förderung des internationalen Austauschs

Darüber hinaus bietet die KITA seit vielen Jahren internationale Schulungen und Lehrgänge zu Themen der Umwelttechnik (Umweltmanagement, Wasseraufbereitung, Fertigung und Instandsetzung, Energieeinsparung und neue Energiequellen, Berufsausbildung etc.) an. Von 1980 bis 2012 gab es insgesamt schon 7.059 Teilnehmer aus 146 Ländern; die meisten Teilnehmer stammen dabei aus Asien und Zentral- und Südamerika.

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Bildung, Qualifikation und Fachkräfte

Zentrum der Grundlagenforschung und der Ausbildung in Kitakyushu Eco-Town ist der Kitakyushu Science and Research Park (KSRP). Im Park befinden sich eine Reihe von Universitäten und Graduiertenschulen

sowie 16 Forschungseinrichtungen, darunter

  • Waseda University, Information, Production and Systems Research Centre
  • Fukuoka Research Institute for Recycling Systems.

Insgesamt verfügt der Park über eine Entwicklungsfläche von 335 ha und erstreckt sich über den westlichen Teil des Bezirks Wakamatsu und den nordwestlichen Teil des Bezirks Yahatanishi.

Organisation und Verwaltung des Parks obliegt der Kitakyushu Foundation for the Advancement of Industry, Science and Technology (FAIS), gleichzeitig hat sie den Auftrag, Forscher und Professoren anzuwerben und die Forschungstätigkeiten zu intensivieren.

Der KRSP bietet zudem über 150 Forschungslaboratorien an. Im KSRP studieren insgesamt ca. 2.200 Studenten, davon etwa 500 internationaler Herkunft. Die ca. 300 Forscher im Park arbeiten in den Themenfeldern Umweltstudien, Life Science, Ingenieurwissenschaften und IKT.

Im Bereich der Automobilindustrie arbeiten drei Graduiertenschulen zusammen, um mit einem gemeinsamen Lehrgang Autoelektronik die Entwicklung von hochqualifiziertem Personal zu fördern. Es finden diverse Forschungsworkshops in Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft statt.

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Entwicklungsdynamik

Im März 2013 stellte die Stadtverwaltung Kitakyushu eine neue Strategie vor (es existiert keine englischsprachige Übersetzung des Dokuments; eine inhaltliche Zusammenfassung findet sich auf GTAI), mit der Bedingungen für grünes Wachstum weiter verbessert werden sollen. Die neue Strategie gilt bis zum Ende des Jahres 2015 und versucht die CO2-Emissionen weiter zu senken, in dem Industriezweige mit hohem Wertschöpfungsgrad gefördert werden, da diese weniger energieintensiv sind. Als Zukunftsbranchen werden die Automobil-, Robotik- und Umweltindustrie identifiziert.

Am 18.10.2013 stellte die OECD ihren Bericht "Green Growth in Kitakyushu, Japan" vor. Im Rahmen des "Green Cities Programme" fragt die OECD danach, wie wirtschaftliches Wachstum und Ökologie harmonisiert werden können.

Auch wenn der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wirtschaftsleistung Kitakyushus bereits 2007 unter 20 % gefallen ist, ist er ein wesentlicher Faktor für das "grüne" Wachstum. Die energieintensive Schwerindustrie bildet für Kitakyushu nach wie vor eine energiepolitische Hypothek. Als Lösung sind moderne Wärmekraftwerke geplant; auch die erneuerbaren Energien sollen ausgebaut werden. Seit der Katastrophe von Fukushima ist das Problem des CO2-Ausstosses noch komplizierter geworden, da der Anteil von Kernkraft in Kitakyushu bis dahin 40% betrug. Ab 2017 sollen daher zwei Gas- und Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von jeweils 1.000 MW gebaut werden.

Ein weiteres auch im OECD-Bericht genanntes Problem ist der Bevölkerungsrückgang in Kitakyushu: Seit 1979 ist die Zahl der Einwohner um über 10 % gesunken. Viel Potenzial sieht die OECD beim Ausbau der Verbindungen mit Asien. Hiervon könnten die Exporte "grüner" Produkte und Dienstleistungen profitieren. Auch die Bedeutung des Dialogs und der Zusammenarbeit in umweltpolitischen Fragen zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der Bevölkerung wird von der OECD herausgehoben.

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