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Acht französische Grandes Écoles wollen sich öffnen

Berichterstattung weltweit

Acht hochselektive französische Hochschulen wollen in Zukunft mehr Studierende aus allen Gesellschaftsschichten aufnehmen und sich damit sozial öffnen. Die Maßnahmen sollen auf alle öffentlichen Hochschulen ausgeweitet werden.

Die Direktoren von acht renommierten Grandes Écoles übergaben der Ministerin für Hochschulbildung, Forschung und Innovation Frédérique Vidal und der Verteidigungsministerin Florence Parly am 14. Oktober 2019 drei Berichte, durch welche Maßnahmen sie sich in Zukunft stärker für Studierendengruppen aus allen Gesellschaftsschichten öffnen wollen.

Die vier Écoles Normales Supérieures in Paris, Lyon, Rennes und Saclay (Schwerpunkt Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften), die drei Handelshochschulen (ESSEC, ESCP und H.E.C.) und die Ingenieurhochschule École Polytechnique (die neben dem Bildungs- auch dem Verteidigungsministerium untersteht) gehören zu den angesehensten Hochschulen in Frankreich und rekrutieren ihre Studierenden über hochkompetitive Auswahlverfahren. Obwohl alle Abiturienten prinzipiell die gleiche Chance auf eine erfolgreiche Bewerbung haben, spiegelt die Zusammensetzung der Studierenden nicht die Diversität der Gesellschaft wider. So erhalten im Landesdurchschnitt 38 Prozent aller Studierenden eine staatliche Beihilfe, stammen also aus einkommensschwachen Familien. An den genannten Einrichtungen ist diese Quote jedoch deutlich niedriger: An der ENS Paris beziehen 19 Prozent der Studierende eine Beihilfe, an der HEC 18 Prozent und an der Polytechnique elf Prozent. Nur sieben Prozent der Polytechnique-Studierenden hatten im Jahr 2018 Eltern, die als Landwirte, Handwerker oder einfache Angestellte arbeiten. Am 4. Juni 2019 beauftragte Vidal daher die Direktoren der Hochschulen, Ansätze zu entwickeln, wie die Grandes Écoles besser die „gesellschaftliche Zusammensetzung in ihrer sozialen und geographischen Diversität abbilden können“.

Die genannten Hochschulen haben nun bekannt gegeben, in den nächsten fünf Jahren ihren Anteil von Studierenden aus einkommensschwachen Familien auf 20 bis 25 Prozent zu erhöhen. Dafür schlagen sie insbesondere „Bonuspunkte“ für diese Bewerbergruppe bei der Zulassung zum Auswahlverfahren vor. Diese hätten damit höhere Chancen, überhaupt an den schriftlichen und mündlichen Prüfungen teilnehmen zu können. Weitere Vorschläge umfassen beispielsweise eine bessere Informationspolitik in den Gymnasien und eine stärkere soziale Öffnung der zweijährigen Vorbereitungsklassen (Classes préparatoires aux Grandes écoles, CPGE). Die CPGE existieren zwar in ganz Frankreich, die größten Erfolgschancen bieten aber nach wie vor bestimmte Pariser Klassen wie etwa die des Lycée Henri IV im Zentrum von Paris – und dort besteht eine ähnliche Eliten-Problematik wie an den Hochschulen selbst.

Keine der Hochschulen plant die Einführung von Quoten für Beihilfe-Empfänger, wie sie bei der Studienplatzvergabe auf nationaler Ebene (Parcoursup) und damit für die Universitäten praktiziert wird. Ebenso wenig wie ein gesondertes Aufnahmeverfahren für Bewerber aus sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen, wie es die politikwissenschaftliche Hochschule Sciences Po Paris seit fast 20 Jahren durchführt. Über Alternativen wird jedoch nachgedacht: An der Polytechnique soll das Auswahlverfahren für Universitätsabsolventen (die einen Bachelor und keine CPGE gemacht haben) ausgebaut werden. Aktuell werden 28 von 420 Studienplätzen so vergeben. Und die Handelshochschulen ziehen die Einführung alternativer Auswahlverfahren in Betracht.

Vidal hat entschieden, die Überlegungen für mehr soziale Diversität auf alle staatlichen Hochschulen und damit auch auf die Universitäten auszuweiten, wo sich in Fächern wie Medizin oder Rechtswissenschaften ebenfalls überproportional viele Studierende aus gut situierten Familien durchsetzen. Jede Hochschule soll einen Plan entwickeln, wie sie mehr Beihilfe-Empfänger zulassen und insgesamt mehr Studierende aus allen Teilen des Landes rekrutieren kann. Dafür wird im November 2019 ein eigenes Steuerungskomitee gegründet.

Zum Nachlesen (Französisch)

Quelle: Le Monde, MESRI Redaktion: von Kathleen Schlütter, Deutsch-Französische Hochschule Länder / Organisationen: Frankreich Themen: Bildung und Hochschulen Ethik, Recht, Gesellschaft

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