StartseiteAktuellesNachrichtenBrasilianische Regierung friert Finanzmittel für Forschung ein

Brasilianische Regierung friert Finanzmittel für Forschung ein

Berichterstattung weltweit

Fast die Hälfte der Gelder für das Wissenschaftsministerium und staatliche Forschungseinrichtungen sind bis auf weiteres gekappt worden. Wissenschaftsverbände üben scharfe Kritik.

Wie die Wissenschaftsmagazine Nature und Science vorige Woche berichteten, hat die brasilianische Regierung große Teile der staatlichen Forschungsgelder für das laufende Jahr eingefroren. 42 Prozent vom Budget des Ministeriums für Wissenschaft, Technologie, Innovation und Kommunikation (MCTIC) wurden gekappt. Damit stehen dem Ministerium statt der ursprünglich bewilligten umgerechnet rund 1,16 Mrd. EUR für 2019 – was bereits dem niedrigsten Budget seit 14 Jahren entsprach – nur noch etwa 661 Mio. EUR zur Verfügung. Das ist etwa ein Drittel der Mittel, die das MCTIC vor 5 Jahren zur Verfügung hatte.

Das Geld verbleibt in Form von Rückstellungen (sog. "contingency funds") im Regierungshaushalt, wird aber nur freigegeben, wenn die Wirtschaft wächst oder neue Einnahmequellen gewonnen werden können. Damit will der brasilianische Wirtschaftsminister Paulo Guedes, laut Nature ein "neoliberaler Hardliner" im Kabinett Bolsonaro, die Neuverschuldung drücken und den Staatsapparat verschlanken. Präsident Jair Bolsonaro hatte dagegen ursprünglich angekündigt, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 1 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen.

Den Berichten zufolge könnten die Finanzmittel von staatlichen Forschungsfördereinrichtungen wie dem Nationalen Rat für Wissenschaftliche und Technologische Entwicklung (CNPq), der größten Förderagentur des Landes, bis Juli aufgebraucht sein, sofern keine Gelder freigegeben werden. Bereits zu Anfang des Jahres waren die Mittel des CNPq für Stipendien deutlich gekürzt worden, sodass die Stipendiatenförderung dem CNPq-Präsidenten João Filgueiras de Azevedo zufolge nur bis September ausreichen werde.

Unklar ist noch, welche Folgen die Entscheidung für einzelne Behörden des MCTIC und seine 16 nachgeordneten Forschungsinstitute haben wird (eine Übersicht über das MCTIC und seine Programme und Behörden bietet das DWIH São Paulo. Die Regierung hat allerdings angekündigt, knapp 80 Prozent der Fördergelder des Ministeriums für Forschungsinfrastrukturprojekte einzufrieren. Davon betroffen ist auch das SIRIUS Synchrotron in Campinas, ein Teilchenbeschleuniger, der im Laufe des Jahres seine Arbeit aufnehmen sollte.

Zahlreiche Wissenschaftsgesellschaften, darunter die Brasilianische Akademie der Wissenschaften, kritisieren die Entscheidung in einem gemeinsamen Statement: "It will take many decades to rebuild the country’s science and innovation capacity." Ronald Shellard, Direktor des Brasilianischen Zentrums für physikalische Forschungen (CBPF), fürchtet um die Beteiligung Brasiliens an internationaler Spitzenforschung. Das CBPF ist an 20 internationalen Wissenschaftskooperationen beteiligt, darunter am Large Hadron Collider (LHC) in der Schweiz und am Pierre-Auger-Observatorium in Argentinien.

Kritik kommt auch von den großen Universitäten des Landes. Ildeu de Castro Moreira, Physiker an der Federal University of Rio de Janeiro sagte dem Sciencemag: "We were running on a flat tire; now they took out the wheel." Mariana Moura, Forscherin am Institut für Energie und Umwelt der University of São Paulo, bemängelt das Wirtschaftsverständnis der Regierung: "It’s an irrational policy. Every other country knows that you need to increase funding for science and technology to grow the economy." Der Biochemiker und ehemalige CNPq-Präsident Hernan Chaimovich sieht die brasilianische Forschung vor großen Schwierigkeiten, vor allem mit Blick auf den Nachwuchs: "Consolidated research groups are scraping by on whatever funds they still have left from previous years, while young scientists are left without hope."

Die Wissenschaftsgemeinschaft fürchtet daher weitreichende Verzögerungen in Forschungsprojekten, Wettbewerbsnachteile, unklare Zukunftsperspektiven und einen "brain drain", die massenhafte Abwanderung von Spitzenforscherinnen und -forschern ins Ausland.

Zum Nachlesen

Quelle: Nature / Sciencemag Redaktion: von Alexander Bullinger, VDI TZ GmbH Länder / Organisationen: Brasilien Themen: Fachkräfte Förderung Strategie und Rahmenbedingungen

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