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Weiter Handlungsbedarf im Bereich Industrie der Zukunft in Frankreich

Berichterstattung weltweit

Die Tageszeitung La Tribune fasst die Entwicklungen in Frankreich im Bereich Industrie der Zukunft – in Deutschland Industrie 4.0 genannt – zusammen und erläutert den weiterhin bestehenden Reformbedarf insbesondere der kleineren und mittleren Unternehmen sowie im Bereich Robotik.

In Frankreich ist der Anteil der Industrie am französischen Brutto-Inlands-Produkt (BIP) laut der Weltbank seit den 1960er Jahren kontinuierlich gesunken und von 29 Prozent auf mittlerweile 17 Prozent (2017) gefallen. Wie La Tribune schreibt, werden in der französischen Industrie dieses Jahr zwar etwas mehr Standorte gegründet als geschlossen, allerdings nehme die Zahl der Beschäftigten in der Fertigungsindustrie seit dem Jahr 2000 und auch aktuell kontinuierlich ab, mit Ausnahme des letzten Jahres. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire betonte die Bedeutung der Industrie der Zukunft, um den industriellen Abschwung zu stoppen. So sagte er im Rahmen der Regierungsumbildung am 16. Oktober 2018: „Aus Frankreich die erste europäische Nation in Sachen neue Technologien machen zu wollen, schließt nicht aus, für jeden Angestellten in der Industrie vor Ort zu kämpfen. Wir kämpfen für die bestehenden Arbeitsplätze und bereiten gleichzeitig die Industrie der Zukunft vor.

Wie La Tribune weiter schreibt, ist die Modernisierung der Industrie seit 2013 Regierungspriorität. Unter dem Schlagwort „Neues industrielles Frankreich“ (Nouvelle France industrielle) wurden unter dem damaligen Staatspräsidenten François Hollande und Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg in direkter Abstimmung mit der Wirtschaft 34 Pläne ausgearbeitet, mit denen einzelne Industriezweige reformiert werden sollten. Dazu gehörten Projekte wie das Zwei-Liter-Auto, Cloud Computing oder das digitale Krankenhaus. Montebourgs Nachfolger Emmanuel Macron verschlankte die Pläne dann 2015 auf neun stärker an den Absatzmärkten ausgerichtete Entwicklungsziele. Der aktuelle Premierminister Edouard Philippe überarbeitete das Programm Ende 2017 unter dem Schlagwort #AmbitionIndustrie erneut. Und erst vor Kurzem wurde das PACTE-Gesetz (Plan d'action pour la croissance et la transformation de l'économie) verabschiedet, mit dem das Unternehmenswachstum insbesondere der kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) gefördert und die Zahl mittelgroßer Unternehmen (ETI, Entreprises de taille intermédiaire – Unternehmen mit 250 bis 5.000 Angestellten) mindestens verdoppelt werden soll um im Vergleich mit Deutschland oder Italien aufzuholen.

Am 20. September 2018 verkündete Philippe nun die Regierungspläne, um KMUs bei der digitalen Transformation zu unterstützen. Insbesondere durch umfangreiche Steuervergünstigungen für Robotik und digitale Investitionen wie 3D-Drucker, Produktionssoftware oder vernetzte Anlagen sollen Unternehmen motiviert werden, sich zu modernisieren. Bis 2022 sollen so 10.000 KMUs bei der Digitalisierung begleitet werden. 500 Millionen Euro stellt der Staat dafür bereit. Zu wenig um das Produktangebot wirklich zu erneuern, meint laut La Tribune jedoch der Ökonom und Präsident des Thinktanks Cercle des économistes Jean-Hervé Lorenzi.

Im Bereich Robotik weist Frankreich großen Nachholbedarf auf. Wie La Tribune unterstreicht, wird die Anzahl von industriellen Robotern, die 2010 bei 1,2 Millionen lag, laut Schätzungen bis 2020 auf 5,5 Millionen Stück ansteigen. In Frankreich kommen laut einer vergleichenden Studie der Internationalen Robotik Föderation (International Federation of Robotics, IFR) auf 10.000 Angestellte jedoch nur 157 Roboter (Platz 18), während in Südkorea (Platz eins) 710 Roboter auf dieselbe Anzahl Angestellte kommen. In Deutschland liegt das Verhältnis bei 322 zu 10.000 (Platz drei). Auch im Vergleich mit anderen europäischen Nachbarn wie Italien oder Spanien schneidet Frankreich schlechter ab. Der Anteil an Industrierobotern könnte in Frankreich laut IFR aber in Zukunft um jährlich fünf bis zehn Prozent steigen.

In die Möglichkeiten der Industrie der Zukunft werden hierbei große Hoffnungen gesetzt. Durch neue Technologien könnten laut einer Industrie-Arbeitsgruppe des Thinktanks Institut Montaigne und der Beraterfirma Boston Consulting Group (BCG) zehn bis 20 Prozent Herstellungskosten eingespart werden (Rohstoffe ausgenommen). Produktionsstätten könnten dadurch mit kleineren und flexibleren Anlagen nach Frankreich und damit näher an den Endkunden zurückkehren. Die Doktorandin Anaïs Voy-Gillis (Institut français de géopolitique) sieht durch Automatisierung auch eine Chance für französische Firmen, wieder wettbewerbsfähiger zu werden: Produkte könnten maximal personalisiert werden bei gleichzeitig günstigen Kosten – dadurch würde man konkurrenzfähiger, auch weil die Konsumenten stärker darauf achteten, wo die Produkte herkommen und die Transportkosten stiegen.

Die Industrie-Arbeitsgruppe empfiehlt hierbei für die Modernisierung der Industrie stark auf die Regionen zu setzen und landesweit 15 bis 20 Zentren einzurichten, die insbesondere die 1.800 mittelgroßen Industrieunternehmen aber auch einen Teil der 50.000 KMUs begleiten und mehr als 100.000 Führungskräfte im Bereich Industrie der Zukunft weiterbilden. Sie sollten sich auf die Bereiche Automobil, Luftfahrt, Bau, Schiene, Schifffahrt, Lebensmittel, chemische Industrie, Pharmazie und Energie konzentrieren. Außerdem empfehlen die Experten, sich auf existierende Strukturen wie etwa die Technischen Zentren für Mechanische Industrie Cetim (Centre technique des industries mécaniques), die Institute für technologische Forschung IRT (Instituts de recherche et technologie) oder die Cluster Pôles de compétitivité zu stützen. Das Vorhaben würde zwischen 45 und 100 Millionen Euro kosten, finanziert von der Wirtschaft, Regionen, Staat aber möglicherweise auch der Europäischen Union.

Eine Studie hat jedoch kürzlich ergeben, dass die Digitalisierung für 87 Prozent der Unternehmensleitungen von KMUs und ETIs keine strategische Priorität für ihr Unternehmen darstellt. Auch die Haltung der französischen Bevölkerung zur Industrie spielt eine zentrale Rolle. So betonte der Chef des staatlichen Think Thanks France Stratégie, Gilles de Margerie, La Tribune gegenüber, dass man die Bürger daran erinnern müsse, dass ihre Industrie wichtig ist und sie sich dafür interessieren müssen.

Unter der Präsidentschaft von Emmanuel Macron obliegt die Industriepolitik übrigens das erste Mal seit 1886 keinem Staatsminister oder -sekretär als Hauptaufgabe. Dies gehöre nun zu den direkten Aufgaben des Wirtschafts- und Finanzministers Bruno Le Maire.

Zum Nachlesen (Französisch)

Quelle: La Tribune Redaktion: von Kathleen Schlütter, Deutsch-Französische Hochschule Länder / Organisationen: Frankreich Themen: Strategie und Rahmenbedingungen Förderung Engineering und Produktion Information u. Kommunikation Wirtschaft, Märkte

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