StartseiteLänderEuropaFrankreichFrankreich: Die Einführung eines dem Fachstudium vorgeschalteten "cycle d`etudes fondamental" ist auf gutem Wege

Frankreich: Die Einführung eines dem Fachstudium vorgeschalteten "cycle d`etudes fondamental" ist auf gutem Wege

Der Teil 2 des Berichts "Universitäre Exzellenz und Vorbereitung auf das Berufsleben ("Mission Aghion") wurde von Philippe Aghion, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard-Universität, am 12.7.2010 der Hochschul- und Forschungsministerin Valérie Pécresse übergeben. Er behandelt als Schwerpunkt die mit der künftigen Struktur des ersten Studienabschnitts zusammenhängenden Fragen.

Der von Philippe Aghion am 26.1.2010 übergebene Zwischenbericht behandelte demgegenüber als Schwerpunkt die Charakteristika universitärer Exzellenz, die Gouvernance und die Organisation von "pôles universitaires d' excellence" und die von anderen Ländern regierungsseitig ergriffenen Initiativen, um die Exzellenz der betreffenden Hochschuleinrichtungen zu unterstützen (vgl. Nachricht vom 3.2.2010).

Der jetzt vorgelegte Teil 2 der "Mission Aghion" - einer Kommission, die ausschließlich aus acht Nicht-Franzosen besteht - befasst sich überwiegend mit den Fragen der künftigen Struktur des ersten universitären Studienabschnitts (Bachelor, "Licence"; Fragen 1 und 2 des Aufgabenkatalogs der "Mission Aghion: vgl. Nachricht vom 4.11.2009); er enthält aber auch eine Kurzzusammenfassung der Schlussfolgerungen des im Januar 2010 vorgelegten Zwischenberichts.

Die Kernaussage des Teil 2 ist, dass Frankreich den Weg einer "progressiven Spezialisierung" des ersten Studienabschnitts und einer größeren Flexibilität der universitären Studiengänge untereinander beschreiten muss, wenn es die Eingliederung der Studierenden in das Berufsleben nach Abschluss ihrer Studien fördern will ("matching").

Diejenigen Länder, die einen hohen Prozentsatz erfolgreicher Absolvierung der Studien und der gelungenen Hinführung der Studierenden auf das Berufsleben aufweisen können - so der Bericht - hätten alle Übergänge ("passerelles") zwischen den berufsbezogenen Studiengängen und solchen allgemeinbildenden Charakters ("filièrs générales") eingeführt. Die Flexibilität beuge einem Scheitern der Studierenden vor, biete eine "zweite Chance" und entspreche im Übrigen der wachsenden, sich diversifizierenden Nachfrage des Arbeitsmarktes.

Philippe Aghion führt u. a. das Beispiel Großbritanniens und sein System von "Krediteinheiten" an. Es erleichtere innerhalb einer Universität den Wechsel von einem Studienfach zu einem anderen, aber auch - trotz verschiedener Grundausrichtung - den Wechsel zwischen verschiedenen Einrichtungen des Hochschulwesens. So biete Oxford nur 14 % berufsbezogene Studiengänge an; im Falle der Gordon University seien es 89 % und im Falle der Queen Mary University, London,  63 %. Insoweit biete beispielhaft das britische Internetportal "Unistats" den Studierenden wichtige Entscheidungshilfen. Auch der spätere berufliche Werdegang der Absolventen einer Hochschule werde dort in detaillierter Form dargestellt.

Vor dem Hintergrund internationaler Vergleiche zwischen den im vorliegenden Zusammenhang wichtigsten OECD-Ländern plädiert der Aghion-Bericht für eine "progressive Spezialisierung" im Verlauf des ersten Studienabschnitts (Bachelor / Licence). Dies ermögliche den Studierenden eine "aufgeklärte Studienwahl". Eine größere Öffnung gegenüber anderen Wissensgebieten "begünstige die Autonomie des Einzelnen und den kritischen Geist der Studierenden und ihre Vorbereitung auf einen späteren Beruf.

Im amerikanischen Hochschulsystem bestehe ein Viertel bis zur Hälfte der zur Erlangung des "bachelor of arts" oder des "bachelor of science" nachzuweisenden Vorlesungen aus "gemeinsamen Lehrveranstaltungen"; die Studierenden entschieden sich dort erst im zweiten Studienjahr für ihre "Spezialität". In Schottland arbeiteten später nur 6 % bis 8 % auf Sachgebieten, die Gegenstand ihres Studiums waren.

Für Philippe Aghion könnte die "progressive Spezialisierung" auch eine Antwort für diejenigen Länder sein, die die freie Wahl der universitären Studiengänge beizubehalten wünschten (Zugang ohne vorhergehende Selektierung).

Hochschul- und Forschungsministerin Valérie Pécresse erklärte anlässlich der Entgegennahme des Aghion-Berichts, sie sei für die Einrichtung eines ersten Studienabschnitts ("premier cycle") dieser Art, "der gleichzeitig Allgemeinkultur und Vorbereitung auf einen Beruf" miteinander verbinde".

Hinsichtlich der Bezeichnung des ersten Studienabschnitts gibt Valérie Pécresse dem Namen "cycle d' études fondamental" gegenüber der von der "Mission Aghion" vorgeschlagenen Bezeichnung "collège universitaire" den Vorzug. Inhaltlich sprach sich die Ministerin dafür aus, "ein Modell à la francaise" zu entwickeln

Quelle: Le Figaro ("société") vom 14.7.2010 Redaktion: Länder / Organisationen: Frankreich Themen: Bildung und Hochschulen

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